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Sex, Drugs & Therapie

Wie Sexualität im Suchtbereich zum Thema wird

 

An meiner Kölner Selbsthilfegruppe nehmen viele Besucher teil, die ihre Langzeittherapie zur Suchtbehandlung in den salus Kliniken in Hürth gemacht haben. Die Berichte und Erzählungen von Therapieansätzen und Angeboten unterscheiden sich manchmal zu denen, die ich erlebt habe. Daher interessiert es mich, wie die Klinik aufgestellt ist. Auf einem Workshop habe ich zwei Mitarbeiter der salus Klinik kennengelernt und bat um ein Interview, um mehr zu erfahren - im Speziellen auch über ein Therapie-Konzept, dass für die Gruppe MSM und ChemSex eingeführt wurde, also für Männer die Sex mit Männern haben und Substanzkonsum funktional beim Sex einsetzen.

 

Meine Interview-Partner sind:

Anne Iking (später zur Vereinfachung I) kam vor fünf Jahren zur salus Klinik und ist therapeutische Leitung in der Suchtabteilung. Sie ist, unter anderem, dafür zuständig, neue Behandlungskonzepte mit zu entwickeln und stellt auch die fachliche Betreuung in der Bezugstherapie.

 

Marcus Pfliegensdörfer (später P) ist gelernter Sozialarbeiter, macht aktuell seine Suchttherapeutische Ausbildung in der Klinik und ist dort seit April 2018 als Bezugstherapeut tätig. Seine Schwerpunkte sind jüngere Patienten von 18-25 Jahren, sowie indikativ die Gruppe MSM und ChemSex. 


Wie sieht die Palette der Angebote der salus Klinik Hürth aus?

I: In erster Linie haben wir hier die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen. Das beginnt mit reiner Alkoholabhängigkeit, bis hin zu einer Mehrfachabhängigkeit (Polytox), also Mischkonsum verschiedenster Drogen und Medikamente. Mittlerweile kann man den Schwerpunkt der Klinik nicht mehr nur auf Alkohol legen, da im Schnitt 50% der Patienten drogen- und oder medikamentenabhängig sind. Das spiegelt den Trend gerade bei jüngeren Patienten wieder, die eben häufig Mischkonsum betreiben. Eine Heroin-Behandlung wird nicht angeboten. Zumindest keine für Betroffene, die in einen aktiven intravenösen Konsum sind. Schon aber Patienten die in ihrer Vorgeschichte Phasen dieses Konsums hatten.

 

Komorbide Störungen werden ebenfalls mithandelt, also klassische depressive Erkrankungen, von Angststörungen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen, auch ADHS/ADS. Es gibt auch spezielle Behandlungskonzepte, sogenannte Bezugsgruppen, für unterschiedliche Zielgruppen – insgesamt sind es sechszehn Stück. So werden zum Beispiel 18-25 jährige mit der Gruppe „Generation Adventure“ angesprochen, ebenso existiert ein Ü-55 Projekt mit natürlich anderen Schwerpunkten. Es gibt je ein spezielles Konzept für Glückspieler, Medienabhängigkeit/Internetsucht und seit gut drei Jahren die Gruppe, bzw. auf Grund der Nachfrage mittlerweile zwei Bezugsgruppen, für MSM & ChemSex. Vertieft wird das Thema in einer wöchentlichen indikativen Gruppe „Lust+ Rausch“. Diesbezüglich haben wir sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal zu den anderen salus Kliniken in Deutschland. 

 

Wie kam es zu dieser Schwerpunkt-Gruppe?

 

I: Für das MSM-Angebot kam die Initiative anfangs nicht von der Klinik selbst, da die Brisanz des Themas früher nicht bekannt war. Gerade diese Zielgruppe landet nicht in der klassischen Suchthilfe. So kam der Erstkontakt über die Aidshilfe

Köln zustande, die ihre Klienten an die salus Klinik vermittelten. Neben dem Angebot für bi- und homosexuelle Männer bzw. MSM die ChemSex betreiben, gibt es auch Gruppen wie „Männer und Sucht“ (hier auch für heterosexuelle Männer) bzw. „Frauen und Sucht“, wo das Thema Sexualität, Partnerschaft und Beziehung mit dem Kontext Substanzgebrauch thematisiert wird. Insofern gibt es für die Patienten also die Bezugsgruppen, in Ergänzung dazu indikative Gruppen und natürlich noch die Einzeltherapie-Sitzungen.

 

Je nach Konsummuster der Betroffenen, stehen verschiedenste Ansätze zur Verfügung. So können sich z.B. homosexuelle oder transgender Frauen in ihren Bezugs- oder Indikativgruppen, mit ihren Themen auseinander setzen. Wobei bei homosexuellen Frauen bisher noch kein ausdrückliches ChemSex- Konsummuster festgestellt wurde.

In der Gruppe sind ebenso hauptsächlich alkoholabhängige Patienten anzutreffen, die ggf. einen Beigebrauch wie z.B. Poppers oder GHB angeben. Daher ist der Begriff ChemSex hier nicht strikt nur auf Drogen beschränkt. Und, je nachdem wie stark Sexualität und Konsum bei ihnen ein Thema ist, können sie auch an der Lust+Rausch- sowie Männer-und-Sucht-Gruppe teilnehmen.

 

P: Aus Erfahrung kann man sagen, dass es bei Alkohol auch immer um Kontaktanbahnung geht, Kontakte zu knüpfen und sich in der Szene zu bewegen. Lust+Rausch ist nicht nur begrenzt auf die Sexualität, sondern behandelt auch den individuellen Umgang mit der eigenen Identität und auch der sexuellen Entwicklung. Hier kann Alkohol immer eine Rolle gespielt haben und wirkte enthemmend, auch um andere Substanzen mit zu konsumieren oder auszuprobieren. 

 

Wie ist die Teilnahme der Patienten? Wird sich dem Thema Sexualität geöffnet?

 

Aus eigener Erfahrung in einer anderen Einrichtung kann ich sagen, dass in den Therapiegruppen Sex quasi tabu war. Nicht, dass es von den Therapeuten tabuisiert worden wäre, aber die Patienten selbst gaben dazu selten etwas preis. Zwar wurde erzählt, dass jemand verheiratet ist oder eine Beziehung führt, aber sonst hatte ich in der Gruppe nicht das Gefühl Sex thematisieren zu können. Nur in den Einzelsitzungen.

 

I: Ich glaube der entscheidende Punkt ist, dass die Behandler sich fachlich zum Thema Sexualität und „darüber sprechen“ schulen. Vor einigen Jahren wurden wir eben durch die Aidshilfe mit dem Thema konfrontiert und haben gemerkt, dass wir uns hier einfach weiter bilden mussten. Dadurch haben wir uns weiterentwickelt, eine hohe Offenheit ist entstanden und die Thematik wird von uns angesprochen. Eben diese Offenheit ist aus meiner Erfahrung im einzeltherapeutischen Kontakt sowohl auch in den Gruppen gegeben.

 

P: Genau, diese Offenheit wird in die Gruppen eingeführt. Zum Beispiel über das Thema psychosoziale Entwicklung oder Grundannahmen von Sexualität (wie muss ich als schwuler Mann sein, wie hat Sex auszusehen, ...). Solche Impulse werden in die Gruppe gebracht. Von den Patienten wird dann diskutiert und auch sehr vertrauensvoll mit den jeweiligen Erzählungen umgegangen. Nach einigen Rückmeldungen konnten wir auch ein Profitieren der Patienten von der Gruppe feststellen, weil sie die Möglichkeit haben über solche intimen und privaten Erfahrungen zu sprechen und das dieses offene Sprechen eher eine neue Erfahrung für sie ist – da sie in der Vergangenheit einfach nur Sex „gemacht“ haben ohne sich mit ihren Partnern darüber auszutauschen.

 

I: So merken unsere Patienten auch, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Also in ihrer Unsicherheit und ihren Fragen wie z.B.: „Wie kann ich Sexualität zukünftig ohne Konsum erleben oder genießen?“. Das sind wichtige Themen. Und sie fördern die Solidarität und geben die Möglichkeit des Wiedererkennens im Gegenüber und seinen Erlebnissen und Gefühlen und ist so natürlich viel stärker in der Gruppe erlebbar als im Einzelgespräch.

 

Daher bieten wir diese Möglichkeit in den verschiedenen Gruppen an (zwei Gruppen Männer-und-Sucht, eine Gruppe Frauen-und-Sucht, dann eben die MSM-Gruppe und die Lust+Rausch-Gruppe). Diese Gruppen sind auch geschlossen, das heißt, für sechs Termine bleibt die Gruppe beständig und es gibt keinen permanenten Wechsel der Teilnehmer. Hier können dann Themen behandelt werden wie die eigene geschlechtliche Rolle, wie sind die Erfahrungen im Bezug auf den Vater bzw. die Mutter, wie sahen Beziehungen aus, wie Sexualität, gab es Grenzverletzungen, offene Wünsche, ... das sind alles Themen die generell aufgegriffen werden, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Denn unserer Erfahrung nach, und nicht erst seit wird das MSM-Konzept haben, ist Sexualität bzw. sind die Gefühle die damit einher gehen (Unsicherheit etc.), nicht selten auch Ausschlagpunkt oder Trigger für Rückfälle. Daher hat die Thematik bei uns auch einen hohen Stellenwert.

 

 

P: Letztendlich ist es auch die Verantwortung der Patienten selbst, in wie weit sie das vielleicht auch in anderen Gruppen zum Thema machen. Es besteht immer die Möglichkeit, in gender-spezifischen Gruppen Themen anzusprechen, und wenn dann der Wunsch besteht, sich auch gemischt- geschlechtlichen darüber auszutauschen, kann natürlich auch wiederrum die Möglichkeit bestehen, in den jeweiligen Bezugsgruppen das Thema einzubringen. So habe ich aktuell in einer jüngeren Frauen-Gruppe erlebt, dass Patientinnen den Wunsch hatten, auch mit den jüngeren Männern über ihre Sexualität zu sprechen und deren Ansichten zu erfahren. Das wird dann natürlich in der Behandlung aufgegriffen, was auch Sinn macht. 

 

Ein Blick in die Zukunft. Was ist Ihnen für das MSM-Konzept wichtig, was wünschen Sie sich, woran möchten Sie arbeiten?

I: Ganz klar die Vernetzung. Wir sind zwar bereits gut aufgestellt mit der Aidshilfe, den HIV-Schwerpunkt-Praxen und Selbsthilfen... aber da müssen wir dran bleiben und es müsste immer weiter vorangetrieben werden. Natürlich auch die Nachsorge. In Köln haben wir jetzt natürlich das Glück, dass die Aidshilfe eine, ja schon besondere Nachsorge anbieten kann, die auch vom Rentenversicherer anerkannt und finanziert wird. Da sieht es in anderen Städten leider anders aus. Da ist, nach der erfolgreichen Therapie, wenn sie in die Suchtberatungsstellen zurückgehen, das Thema nicht so präsent bzw. besteht die Schwierigkeit Patienten mit Substanzgebrauch in bindung mit Sexualität in die bestehenden Nachsorgegruppen zu integrieren.

 

Hier würden wir uns gerne wünschen, dass es mehr Entwicklung im ambulanten Bereich gibtt. Es wird auch immer wieder die Frage gestellt, bzw. sehen wir daher auch den Bedarf der Patienten, dass nach der Therapie sucht- und konsumfreie Räume gesucht werden. Nicht nur physische Räume und Gebäude, sondern tatsächlich auch Gruppen, Gemeinschaften, Angebote wo man Männern begegnen kann. Auch erfahren wir manchmal davon, dass Patienten mit Abstinenzwusch die Therapie abschließen, in den Selbsthilfegruppen aber Schwierigkeiten haben. Durch Teilnehmern die noch oder wieder im Konsum sind, oder ganz am Anfang ihres Weges sind, werden sie getriggert. Hier wäre mein Wunsch zur Diskussion mit den Selbsthilfe-Verbänden, wie man mit diesem Phänomen umgehen könnte. Denn einige Männer gehen dann aus Gruppen heraus, weil sie nicht zusehen können, wie andere ggf. wieder voll im Konsum sind und dadurch selbst wieder zurückgeworfen werden.

 

P: Das Thema Selbsterfahrung ist auch etwas, dass im Alltag der Patienten fehlt. Körpererfahrungen, Coachings, mentale Trainings... in Berlin gibt es da ein Projekt, das „Village community center“. So etwas würde ich mir für den Raum Köln wünschen. Es ist ein Gemeinschaftszentrum für schwule, bisexuelle, trans* und queere Männer. Ein Raum, der dazu einlädt zu kultivieren, was ihnen wichtig ist: zum Beispiel eine tiefere Verbindung zu sich selbst oder zu anderen einzugehen, zu netzwerken, tiefe Verbundenheit herstellen, sich oder andere zu unterstützen oder zu inspirieren. Auch erst mal außerhalb von Sexualität, aber schon um es dann ggf. später in der Sexualität auch wieder zu können. Und das alles sucht- bzw. konsumfrei. 

 

So könnten auch ehemalige Suchtpatienten integriert und nach der Therapie besser aufgefangen werden und, je nach Qualifikation ggf. sogar, beruflich eingebunden werden.

 

P: Richtig, aber auch in der Selbsthilfe könnten wir schon jetzt mehr anbieten. So könnte ich mir vorstellen, gemeinsam einen Workshop oder ähnliches anzubieten, in dem die Teilnehmer etwas im Bereich der Körpererfahrung erleben können. Gerade Patienten die aus der Therapie kommen oder solche die keine gemacht haben, können von diesen Achtsamkeitsübungen profitieren. So könnte man in sich hineinfühlen, wo bestimmte Anspannungen entstehen, wie sich Suchtdruck anfühlen kann und wie ich meinen Körper wieder selbst regulieren kann. Selbstwahrnehmung ist und bleibt ein wichtiges Thema.

 

Interessant, so bräuchten wir vorerst noch kein spezielles „Village“ in Köln. Ich werde die Idee gerne mit in unsere Gruppe nehmen. Mit all diesem Entwicklungspotenzial können wir ja dann hoffnungsvoll nach vorne schauen :)

 

Frau Iking und Herr Pfliegensdörfer,

vielen Dank für Ihre Zeit.

 

Copyright © 2018, Mathias Seyen. All Rights Reserved.

Mehr Informationen zur salus Klinik unter salus-kliniken.de/huerth 


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