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Druck von außen

Alkohol verändert die Wahrnehmung

Früher konnte ich sagen: schlaf mal drüber, morgen sieht wieder alles anders aus.

Und das war auch oft so. Oft waren die Situationen nicht so schlimm oder dramatisch, wie sie im besoffenen Kopf waren. Oder wie sie waren, wenn ich verkatert war.

 

Aber jetzt... wenn ich etwas empfinde, dann ändert sich das nicht einfach über Nacht. Es behält seinen Kern. Mein Bauchgefühl ist wieder im Spiel. Und es empfindet meist richtig. Ich wäge natürlich Bauch- und Kopfgefühl miteinander ab, mache mir Gedanken und stelle sie auf die Probe. Ich hinterfrage sie, diskutiere sie auch kritisch mit Freunden. Und am Ende kann ich im Kern meiner Intuition zu stimmen. Ich lag nicht grundlegend falsch. Auch wenn ich ggf. über mehrere Tage Option A mit B und C abgewogen habe, ändern sich meine Gefühle selbst nicht mehr so krass, wie es früher der Fall war.

 

Im Bezug auf meine vergangene Beziehung muss ich hier jedoch eine Ausnahme machen. Hier habe ich meinem Bauchgefühl nicht zugehört. Bzw. zugelassen, mich von außen verleiten zu lassen / mich selbst unter Druck zu setzen. Nur so funktioniere ich nicht. Ich habe mir glaube ich zwanghaft gewünscht die Beziehung reparieren zu können, wenn ich ignoriere, was ich eigentlich empfinde. Das konnte nicht klappen. Da hatte ich quasi einen emotionalen Rückfall in den Wunschgedanken, dass alles wieder gut werden muss bzw. so werden muss wie vorher. Aber so möchte ich es eigentlich nicht. Ich weiß zwar nicht was sich ändern müsste,... aber das brauche ich auch nicht. Es würde nie wieder so werden wie vorher, da ich jemand anderes geworden bin, als ich noch Mitte 2016 war. Oder Anfang 2017. Ich hätte auch zu viele oder große Erwartungen an meinen Partner, die er nie erfüllen könnte. Und ich wäre nicht in der Lage ihn bedingungslos zu lieben. Dafür wäre meine persönliche to-do-Liste an ihn zu groß. Daher habe ich wieder zurückgerudert um emotional zu dem Beziehungsgedanken Abstand zu gewinnen.

 

Aber was hat alles Druck gemacht?

Ich war wieder in einem alten Muster: ich wollte gerade wieder allem gerecht werden.

Ich wollte für meinen Partner da sein. „Ich war es ihm ja schuldig und er hatte etwas besseres verdient, und ich muss ihm doch helfen“. Wir hatten schon lange keinen Sex mehr, das musste ich ja auch ändern. Hier habe ich mir ein schlechtes Gewissen eingeredet und seine Probleme zu meinen noch dazu genommen.

Ich wollte meine ganzen Ideen und Vorschläge bzgl. der Potentialentfaltung an den Selbsthilfeverein weitergeben. Ich wollte ihn „nach Vorne bringen“ und auch Anerkennung bekommen. Hier habe ich sehr viele Anforderungen mir selbst auferlegt. Dann kamen Sorgen um den Umzug bzw. meiner finanziellen Lage dazu. Ich wollte auch bei meinen neuen Arbeitgeber nirgends anecken oder negativ auffallen. Ich hatte Sorge, ob ich die Pendelei von Köln nach Neuss schaffe und wie meine Freizeit aussieht wenn ich jeden zweiten Samstag arbeite. Ich wollte Freunden nicht vor den Kopf stoßen, weil ich so viel Zeit für mich bräuchte. Und ich hatte Sorge wieder an meine Grenzen zu stoßen und zu spät zu bemerken, dass meine Akkus leer sind.

 

Und eigentlich hatte ich keine Lust Kompromisse zu machen.

 

Vor lauter Druck von außen, konnte ich nicht mehr in mich spüren, was ich eigentlich wollte, geschweige denn fühlen, was ich für meinen Partner fühle oder gefühlt habe.

 

Was habe ich gemacht? Ich bin ehrlich zu mir geworden.

 

Ich habe mich gefragt, was mir denn, von all den Dingen, wirklich etwas bringt und wer hier den Druck macht. Das war zu 99% ich selbst. Die anderen hatten damit überhaupt nichts zu tun. Meine eigenen Erwartungen und Vorstellungen von mir selbst haben mich überrannt. Statt mir meine Glaubenssätze vorzunehmen und mich wieder wohl in meiner Haut zu fühlen, habe ich mir riesige Bürden auferlegt und mich selbst unter Druck gesetzt. Natürlich rauchte ich wieder... bzw. rauche wieder :)

Ich muss nicht an mir zweifeln, denn

  • Ich darf Fehler machen
  • Ich bin willkommen
  • Ich darf bedingungslos geliebt werden
  • Ich bin klug
  • Ich bin wertvoll
  • Ich bin wichtig
  • Ich darf „nein“ sagen
  • Ich bin gut so wie ich bin

Und diese kurzfristigen Ziele mit Arbeit und Finanzen und den Kram sind nicht wichtig... (ok, klar, flüssig zu sein ist schon wichtig, aber es sollte kein Ziel als solches sein).

 

Hier kommen meine übergeordneten Ziele zum Einsatz:

  • Verständnis für mein Schattenkind haben (Link zum Buch)
  • Für mich selbst und andere, trotz Angst, eintreten und gerade stehen
  • Fakten von Interpretationen unterscheiden
  • Projektionen auflösen
  • Bei meinen Argumenten bleiben, wenn mir keine besseren entgegengebracht werden
  • Andren recht geben wenn sie Recht haben
  • Konflikte offen und fair regeln
  • Zu meinen Überzeugungen und Werten stehen
  • Für meine Gefühle und mein Verhalten Verantwortung übernehmen
  • Schwierigen Menschen mit Wohlwollen begegnen (Link zu einem tollen Buch)
  • Neidgefühle auflösen
  • Wirklich zuhören
  • Herausforderungen annehmen, denen ich früher ausgewichen wäre
  • Mein Leben genießen
  •  Jeden Tag meine Übungen machen
  • Mir nur aufrichtig Mühe geben – nicht halbherzig an einer Sache arbeiten
  • Mein Sonnenkind leben (siehe ersten Buch-Link)
  • Ich bin was ich bin & das ist alles was ich bin & das ist gut so!

 

Ich musste wieder einmal lernen, dass ich wichtig bin. Ich musste mich als liebenswert erfahren, um mich selbst lieben zu können (immer noch eine Mammut-Aufgabe für mich). Ich weiß, dass ich Anerkennung durch andere brauche, aber ich kann mir diese Bestätigung nur selbst geben. Ich lerne und übe, wichtig zu sein. Ich lerne mich selbst anzuerkennen und gut zu sein, in dem was ich tue und in dem was ich bin.

Und das sind keine Ziele die man erreicht und dann ist gut. Das sind keine Ziele die man erreicht und behält und sich dann zurück lehnen kann. Es sind Prozesse... der Weg ist das Ziel. Es lässt sich immer wieder etwas anpassen oder verbessern. Meine Situationen ändern sich immer wieder und ich kann diese „Ziele“ immer wieder diesen Situationen anpassen und sie im Auge behalten. Ich kann natürlich z.B. einen Konflikt lösen und dann ist Feierabend. Aber es wird sicher nicht der letzte Konflikt sein, der mir begegnet :)

 

Wenn ich mich an alle diese übergeordneten Ziele halte bzw. halten könnte, hätte ich genug zu tun. Aber das ist ja fast unmenschlich... vor allem wenn man mit anderen Menschen zu tun hat... da wird immer wieder etwas ins Wanken geraten. Aber das ist ok. So habe ich immer Ziele im Blick. Und alles andere sind Herausforderungen an denen ich wachsen kann. Aber nach dem Erreichen folgt kein Stillstand. Es geht immer weiter. ...ok, die einen könnten jetzt natürlich zum Workaholic oder extremen Perfektionisten werden... aber das geht ja nicht, denn, „ich darf Fehler machen“ und „nein“ sagen und „möchte mein Leben genießen“... und wenn zu meinen Überzeugungen und Werten auch Entspannung bzw. Anti-Stress gehört, dann werde ich auf meine Gefühle hören und es ruhig angehen lassen  :)

 

Das sind Vorstellungen und Erwartungen an mich, mit denen ich umgehen kann. Wenn ich mir selbst treu bleibe, meine eigene Würde behalte, dann kann mir nichts passieren. Dann wird keine Aufgabe, keine Vorstellung, keine von außen auferlegte Erwartung mich negativ beeinflussen.      

 

Es hat mir sehr geholfen mich jeden Morgen zu fragen, wie es mir geht, was mich gerade beschäftigt.

Hier konnte ich in mich hinein fühlen und erfahren, was ich gerade brauche.

Am Ende des Tages notiere ich in mein Bilanz-Tagebuch drei Punkte:

  • Was war heute wichtig oder worauf bin ich stolz?
  • Was hat mich gefreut oder wofür bin ich dankbar?
  • Was habe ich heute gelernt oder hat mich etwas inspiriert?

 

Natürlich kann das, was an dem Tag wichtig war, mich auch gefreut haben... dann gibt es bestimmt etwas zum Punkt der Dankbarkeit. Ggf. habe ich an einem Tag mal nicht etwas Neues gelernt. Vielleicht habe ich aber jemanden kennengelernt oder etwas über jemanden erfahren. Oder ich lerne aus einer Situation, wie z.B. dass ich kein Mango-Eis mit Pfeffer mag. Oder dass ich auch einen Zug später nehmen kann und trotzdem pünktlich auf der Arbeit bin. Oder dass um die Ecke ein neuer Italiener aufgemacht hat... es gibt sehr viel was wir an einem Tag „lernen“ können.

 

Und noch wichtiger ist es zu wissen, was einem wichtig ist und dass man sich erinnert, dass man sich gefreut hat.

 



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