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Fortschritt - was ist das überhaupt?

Wir gelten als eine der fortschrittlichsten Gesellschaften, Länder, Nationen. Nicht nur Deutschland an sich, auch Europa, die USA usw. sind „Erste Welt Länder“. Wirtschaftlich, sozial, epistemisch (auf die Erläuterung komme ich noch zurück, aber es ist mein neues Lieblingswort... neben „hegemonial“), ökologisch und auf technischer Ebene, genießen wir den Fortschritt. Aber was soll dieser „Fortschritt“ sein?

 

Gesellschaftlich gesehen hat es Fortschritte gegeben. Vor 200 Jahren z.B. wäre ich kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gewesen. Das waren nur Männer mit Eigentum und Familie. Gut, männlich bin ich, aber ich habe weder Grundbesitz, noch ein Haus und verheiratet bin ich auch nicht. In der Hinsicht hat sich schon etwas getan. Ich darf arbeiten, wählen und mich (nahezu) frei bewegen, ich bin keinem Herrn unterstellt und darf mit meinem Geld machen, was ich möchte. Ich bin sogar handlungsfähig mein Leben selbst zu gestalten. Ich darf mich sozial engagieren. Ehrenamtlich natürlich. Denn davon leben können die wenigsten.

 

Da sehe ich schon mal die erste Einschränkung. Wenn ich, neben meinem Beruf den ich ausübe, um meine Wohnung bezahlen zu können, auch alten Menschen oder Tieren oder der Umwelt helfen möchte, dann geht das nur in Maßen. Klar, ich kann mich umschulen... aber auf eigene Kosten! Das erlebe ich gerade persönlich. Mit meinen 30 Jahren möchte ich Soziale Arbeit studieren. Für Bafög bin ich aber zu alt. „Das hätte ich früher entscheiden müssen“ heißt es dann. Ein min. 40-Stunden-Job und Abendschule ist möglich (ab 300 EUR/monatl.) bzw. eher ein 32-Studen-Job... also weniger Gehalt. Aber mehr Kosten. Sehr attraktiv wenn man bedenkt, dass man danach einer Arbeit nachgehen möchte, die eine Gesellschaft unterstützt und vermeintlich etwas Gutes bezwecken möchte. Hallo Ironie! Ich könnte auch einen Kredit von knapp 50.000 EUR aufnehmen, um Vollzeit zu studieren. Schön, erst mal verschuldet. Die Hürden sind sichtbar und finanziell spürbar. Aber, ich gelte als handlungsfähig.

 

Nehmen wir die Wirtschaft und den technischen Fortschritt. Wir leben klimatisiert. Es gibt Nahrung in Hülle und Fülle. Die Kommunikationstechnologie ist auf einem Höhepunkt. Ist es fortschrittlich, dass wir alle mit Smartphone, Cloud und Alexa verbunden sind? Oder anders, ist es fortschrittlich, wenn für ein Produkt seltene Erden, Metalle und zur Neige gehende Rohstoffe verbraucht werden? Wenn andere Länder dafür ausgebeutet werden? Die Abfallprodukte unsere Umwelt nachhaltig schädigen? Die Stress-Symptome durch, unter anderem, ständige Erreichbarkeit, die Menschen krank machen? Ist es fortschrittlich, dass ein oder mehrere Unternehmen von der Produktion seiner Produkte profitiert, andere Menschen aber ihre Nachteile haben und ökologisch sowie gesundheitlich unvorhersehbare Konsequenzen für das ausgebeutete Land, die Menschen die dort leben und die Menschen die die Produkte blind konsumieren mit sich bringen? Um es zu verbildlichen: auf der einen Seite kann ich mit meiner Oma telefonieren und auf der anderen Seite wird ein Regenwald abgebrannt, die Erde weg gebaggert, Schadstoffe in die Umwelt abgeführt, Tiere sterben und Menschen verarmen. Alles nur, damit ich ein Katzenfoto versenden kann? Wenn das Fortschritt ist, dann gute Nacht.

 

Epistemisch gesehen, haben wir viele Fortschritte gemacht. „Epistemisch“ heißt soviel wie „auf Wissen beruhend“ oder wissensmäßig. Also auf Basis von Wissen. Wir wissen, dass morgen die Sonne wieder aufgeht. Wir wissen, dass es nicht regnet, weil ein Gott böse auf uns ist. Wir wissen, dass Krankheiten über Viren, Bakterien etc. ausgelöst werden können. Wir sollten eigentlich auch wissen, dass niemand krank wird, weil es kalt ist und es regnet... das liegt dann eher an einem schwachem Immunsystem auf Grund von falscher Ernährung, zu wenig Bewegung, trockner Luft in stickigen Büroräumen und bereits erkrankten Leuten, denen wir im Großraumbüro, der U-Bahn oder anderen großen Menschenaufkommen ausgeliefert sind. Wir sollten auch wissen, dass wir so, wie wir aktuell leben und konsumieren, ca. 2-3 weitere Welten bräuchten. Viel Wissen wurde natürlich auch durch „technischen Fortschritt“ erlangt. Da wir zum Mond fliegen können, wissen wir mehr über die Erde und alles drum herum. Das wir dazu 10 – 15 Tonnen Brennstoff pro Sekunde benötigen, um von der Erde weg zu kommen, ist Nebensache. Aber fortschrittlich. (Mich wundert nebenbei, dass es überhaupt noch etwas auf oder in der Erde gibt, das verbrannt werden kann, aber ok). Wir wissen wie tief unsere Ozeane sind. Dafür müssen wir zwar Lebensräume anderer Erdenbewohner stören oder zerstören, aber wir wissen jetzt was da unten ist.

 

Wir wissen, wie wir viel Getreide und viel Fleisch produzieren können. Ist es fortschrittlich 0,99 EUR für ein Brot oder 250g Hackfleisch zu bezahlen? Unter welchen Umständen sind solche Preise möglich? Wie muss das Fleisch verarbeitet werden, wie das Tier geschlachtet, gezüchtet, gehalten werden, damit ich es für einen knappen Euro essen kann? Ist Massentierhaltung/-Schlachtung Fortschritt? Sind Adipositas, Diabetes, Kopfschmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Co. fortschrittlich?

 

Um noch mal auf den sozialen und gesellschaftlichen „Fortschritt“ zurück zu kommen: Wir gelten als handlungsfähig. Wir können mitbestimmen, wie sich unsere Stadt, unser Bundesland oder sogar ganz Deutschland verändern soll. Ja? Eher nicht. Wir können Leute wählen, die etwas machen, wovon sie glauben, dass es für das Land wichtig ist. Was das ist, kann man in den Wahlversprechen nachlesen – wenn man es versteht. Im Schnitt passiert, aus meiner persönlichen Perspektive, nie etwas anderes. Irgendwie bleibt es immer gleich oder wird teurer. Dem „Staat“ sind die Hände gebunden, da er sich von der Wirtschaft bestimmen lässt. Nur wem bringt diese Wirtschaft etwas? Mir? Nichts? Ich habe nichts davon, dass die Bahn privatisiert wurde. Ich habe nichts davon wenn die Pharma-Lobby und die Umwelt-Lobby gegeneinander Wettbewerb treiben, damit der Staat diese oder jene subventionieren. Wo liegt meine Handlungsfähigkeit hier? Ich kann nur hoffen, dass sich diese oder jene Partei für etwas einsetzt. Klar, ich kann auch auswandern. Dann z.B. nach Spanien. Da ist der Immobilienmarkt auch gerade sehr fortschrittlich. Es werden große Wohnanlagen mit Golfplätzen aus dem Boden gestampft. Es braucht nur keiner diese Wohnungen oder kann sie bezahlen. Aber es wird gebaut. Weil man es kann und sich erhofft, so die Wirtschaft anzukurbeln. Die Wassermengen die dort täglich verbraucht werden, um die nichtgenutzten Golfplätze grün zu halten, sind unvorstellbar. Und keiner wohnt dort. Die Küste ist betoniert. Arbeitsplätze für Hausmeister und Reinigungspersonal wurden geschaffen. Schön, verdienen tut aber nur das eine Immobilienunternehmen.

 

Worauf möchte ich hinaus? Fortschritt sollte uns Menschen „nach vorne“ bringen. Als Gesellschaft, als Nation, als Menschheit. Wir brauchen kein Alexa. Keine Drohne die Pakete bringt oder Kriege führt. Und keine Nation kann alleine den Teufelskreis verlassen. Davon sind wir zu stark von einander abhängig geworden (Schlagwort Globalisierung). Fortschritt wäre, wenn Industrie und Wirtschaft so nachhaltig und umweltschonend wie nur irgend möglich arbeiten würden. Und auch nur das produzieren, was gebraucht wird. Fortschrittlich wäre es, wenn jeder Mensch die Möglichkeit hat, sein Potential voll zu entfalten. Sich selbst kennen zu lernen, sich seiner Würde bewusst zu werden. Fortschrittlich wäre es, wenn jeder genügend gesunde Lebensmittel , Wohnraum und sozialen Austausch zur Verfügung hat. Es wäre fortschrittlich, wenn wir uns alle in unserer Verschiedenheit akzeptieren oder tolerieren könnten, statt uns wegen unserer Unterschiede gegenseitig für falsch oder abnorm zu halten und zu bekämpfen. Es wäre auch ein Fortschritt, wenn Energie keine Energie kostet. Also wirklich nachhaltige Energie. Die Forschung könnte z.B. mal dran arbeiten die Energie eines Blitzes zu speichern und ins Stromnetz zu speisen. Fortschrittlich wäre eine ernsthafte Überlegung „Geld“ abzuschaffen. Wenn es zu teuer ist, zu forschen, dann könnte die Abschaffung von Kosten eine Lösung sein!?  Wenn nichts mehr etwas kostet, braucht nichts „billig“ oder umweltschädlich hergestellt werden. 

 

Aber ich schweife ab. Wenn man die Nationen einfach machen lässt und erstmal bei sich persönlich bleibt:

Was wäre dann für mich ein Fortschritt?

 

Mehr Geld und Konsumspielraum? Eher nicht. Ok, ich würde mir hier und da was „gönnen“, aber Fortschritt wäre das nicht. Mehr Urlaub? Eventuell in Kombination mit mehr Geld? Dann würde ich ggf. mehr fliegen... bzw. überhaupt fliegen. Aber ein Fortschritt wäre das auch weniger. Dann lieber mehr Freizeit. So könnte ich meinen Hobbys nachgehen. Ehrenamtlich wirken oder, wenn meine Freunde und Familie auch mehr Freizeit haben, mehr Zeit mit ihnen verbringen. Also sozialer Austausch. Ein weiterer Fortschritt wäre es für mich, mich immer weiter bilden zu können. Möglichst günstig oder kostenlos. Ein Fortschritt wäre für mich, eine gesunde Ernährung gewährleisten zu können, ggf. sogar selbst etwas anbauen zu können. Oder zumindest wirklich wissen, wo meine Nahrung herkommt. Es wäre für mich ein Fortschritt, wenn ich Erfahrungen sammeln kann und diese auch weiter geben kann. Finanzielle Sicherheit wäre schön, aber unter gewissen Umständen ggf. nicht nötig. Es wäre ein Fortschritt meinen Körper kennenzulernen: Warum mir hier und da etwas weh tut, was ich dagegen machen kann, wie ich leben, mich bewegen oder trainieren kann, um gesund und schmerzfrei alt zu werden. Ein Fortschritt wäre es, dafür Zeit zu haben.

 

Also unterm Strich:

Zeit, Autonomie, die Möglichkeit sich auszutauschen und gesund zu leben – ggf. noch finanzielle Unabhängigkeit oder Sicherheit... obwohl das auch in die Autonomie passt.

 

Komisch. Ich komme mir eigentlich autonom vor. Zu essen habe ich eigentlich auch. Aber so richtig ist das alles aktuell nicht. Für mehr Geld, muss ich mehr und/oder anders arbeiten. Dann habe ich weniger Zeit. Durch den Stress der weniger verfügbaren Zeit, lebe ich ungesünder und habe weniger Möglichkeit mich zwischenmenschlich auszutauschen, ganz zu schweigen von Weiterbildungsmaßnahmen. Und da ich Arbeiten „muss“, weil ich nur mit Summe X an Geld, mir dies und das leisten kann, kommt die Autonomie wieder zu kurz. Zeit meine Gemeinschaft, Gesellschaft, Umgebung mit zu gestalten, andere zu unterstützen habe ich dann erst recht nicht.

 

Willkommen im Teufelskreis.   

Natürlich können jetzt die Stimmen laut werden: „du kannst halt nicht alles haben!“... aber das will ich ja gar nicht. Ich möchte nur selbstbestimmt leben können. Und wenn das nicht möglich ist... dann empfinde ich mich nicht als Mitglied eines Erste-Welt-Landes oder vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft. Wo ist da der Fortschritt? Dann fühle ich mich handlungsunfähig, abhängig und von einem System nahezu beherrscht. „Never touch a running system“ / „greife nicht in ein funktionierendes System ein“. Aber funktioniert es denn? Muss ich damit klar kommen, nach den Spielregeln zu spielen, die irgendwann einmal festgelegt wurden? Von Menschen? Wenn wir die Spielregeln machen, warum können wir sie dann nicht ändern? Wo liegt mein Handlungsspielraum? Friss oder stirb? Dann haben wir bisher keinen Fortschritt erlebt. Nur „Brot und Spiele“? Wie soll ich da noch in den Spiegel schauen können? Nur weil manche Spielregeln (oder nennen wir sie mal Systeme, Rechte, geschaffene Realität) schon sehr alt sind, sind sie deswegen doch nicht jeglicher Kritik erhaben und „dürfen“ nicht nicht geändert werden. Sie passen aktuell nicht mehr zu unserem Leben diese Regeln. Zumindest zu meinem nicht. Wir leben nicht im finsteren Mittelalter. Wir sind, die einen mehr die anderen weniger, zivilisiert und verfügen über Menschenverstand. Wir sollten in der Lage sein, Systeme, die nur daran interessiert sind, Geld zu machen, abzuschaffen, und wieder das Leben in den Vordergrund zu setzen. Das Leben der einzelnen Menschen, der Gesellschaften und das Leben überhaupt auf diesem Planeten... solange es ihn noch gibt. Denn sonst gibt es keine Welt mehr in der es sich lohnt zu leben. Vielleicht haben wir persönlich nichts mehr davon. Aber die Generationen die nach uns kommen, würden sicher dankbar sein. Wenn ich aber min. acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche in einem Büro Zahlen in eine Tabelle tippen soll, dann kann ich nichts bewirken. Ich kann zwar mal ans andere Ende der Welt reisen, Rohstoffe verbrennen und mir eine Kultur anschauen, von der ich nichts mitnehme, da ich nicht in der Lage bin, mich selbst zu reflektieren. Ich kann zum Balinesen essen gehen, weil ich mir „was Gutes tun will“. Aber einen Schritt nach vorne setze ich damit nicht.

Ich drehe mich im Kreis.

 

Was wäre für Dich fortschrittlich? Ich freue mich auf Kommentare J


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