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Sucht und Abstinenz

Muss ich nicht einfach stärker wollen wollen?

 

Alkoholiker können nicht anders. “Die saufen eben”. Dieses Vorurteil ist in vielen Köpfen. Aber wie kommt es dazu? Niemand kommt so auf die Welt. Bis zum harten Säufer oder auf die Straße oder gar unter die Brücke ist es ein langer Weg. Weit vorher passiert etwas. Der Druck kommt von außen oder sie machen sich selbst das Leben extrem schwer. Eine Entlastung wird schnell im Feierabendbier oder beim Sektempfang gefunden. Oder nur der vermeintlich gute Tropfen zum guten Essen... oder/und der Absacker nach dem selbigen. Oder sich Mut antrinken und eventuell noch eine Pille einwerfen, um im Bett sich selbst und anderen etwas zu beweisen, ist normal geworden. Bis zu einem gewissen Grad tolerieren wir dieses Verhalten von anderen sogar. Doch warum wird dieser Zustand bei manchen Menschen kritisch? Und wenn die Abhängigkeit schon nicht mehr zu leugnen ist, was kann man tun?

 

Selbst nach dieser Einsicht schaffen es, um beim “Problem” Alkohol zu bleiben, nur an die 10% der Betroffenen in eine Therapie. Das Rückfallrisiko bei diesen Menschen liegt nicht selten bei 80-90% und nur ein Bruchteil schafft es lebenslang trocken bzw. abstinent zu bleiben. 

 

 

Was steckt eigentlich hinter diesen Mechanismen der Sucht? Dazu wurde Sandra Gummersbach befragt. Sie ist Dipl. Soz. Arb./Soz.Päd und Suchttherapeutin (M.Sc.) in der Rehabilitationsabteilung des Alexianer Krankenhaus Köln. Für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen aber auch bei Abhängigkeiten von Cannabis oder Amphetaminen, ist die „ganztägig ambulante Rehabilitation Sucht“, kurz GARS oder Reha Sucht, ein professioneller Anlaufpunkt in und um Köln. Folgend das Interview. 

 

Abstinenz: Was glauben Sie, hindert uns daran? Ist der Mensch zu schwach, sind wir nicht in der Lage dazu oder sind manche Menschen durch eine ungünstige Erziehung so vorgeprägt, dass sie es gar nicht schaffen könnten? Was glauben Sie ist so hinderlich?

 

Vorab an dieser Stelle: Es ist so, dass man in der Psychologie von einem Konflikt spricht. Von einem Appetenz-Aversions-Konflikt oder kurz gesagt, Annäherungs-Vermeidungs- Konflikt. Das bedeutet im Prinzip, dass man zwar etwas will, wie z.B. die Abstinenz von einem Suchtmittel, aber das es auf der anderen Seite viele Gründe gibt, das „falsche“ Verhalten immer wieder zu rechtfertigen – und das trotz der ungesunden Konsequenzen.

 

In diesem Spannungsfeld befinden wir uns natürlich gerade bei Suchterkrankungen. Die Suchtstoffe selbst bringen ja nicht nur negative, sondern auch viele „positive“ Dinge mit sich, die dazu führen, dass der Konsum immer wieder aufrechterhalten wird. Das ist sehr entscheidend bei der Sucht. Deswegen sprechen wir über Ambivalenzen, über verschiedene Seiten. Wir sehen hier gerne das Bild der Zwiebel, also auch verschiedene Schichten. Jeder Betroffene hat in seiner persönlichen Situation individuelle Schichten und Seiten seiner eigenen Sucht. Das ist etwas Entscheidendes, vor allem in der Therapie. Natürlich ist es schon so, dass ich im Rahmen meiner Arbeit, ich bin ja jetzt seit über 10 Jahren im Suchtbereich tätig, feststellen kann, dass bei vielen Menschen mit Suchterkrankungen, familiäre Vorbelastungen bestehen. Möglich wäre, dass eine Suchterkrankung sogar bei einem Familienmitglied vorliegt. Hier kann es eine genetische Disposition geben, die eine Rolle spielt. Oder, das familiäre Zusammenleben war stark belastend, wie etwa durch Gewalteinwirkungen, Missbrauchsfälle etc.

 

Es sind aber natürlich vor allem psychologische Aspekte, wie das „Lernen am Modell“, also an den Eltern, das uns prägt. Wenn beispielsweise der Vater früher getrunken hat und man das jeden Tag wieder erleben musste, dann ist das ganz klar etwas, dass man gar nicht infrage stellt. „Ein Vater trinkt nun mal. Wenn ich erwachsen bin, darf ich auch trinken. Und dann trinke ich einfach.“ Hier kann es zum Konsum kommen, obwohl es vorerst keinen offensichtlichen „Grund“ zum Trinken gibt.

 

Weiterhin sehen wir ganz klar eine Belastung durch unsere heutige Gesellschaft. Wir erleben eine Gesellschaft, für die Leistung ein ganz wichtiges Thema ist. Selbst Kinder zeigen in der Schule, und das ist inzwischen nachgewiesen, extreme Stressreaktionen, z.B. in einem erhöhten Cortisol-Ausstoß. Das sind natürlich Bedingungen, die nicht gerade günstig sind im Bezug auf psychisches Fehlverhalten, welches Fehlentwicklungen fördert. 

 

 

Wir erlernen sozusagen ein Verhalten, um Stress zu vermeiden? Im schlimmsten Fall durch Missbrauch von Drogen?

 Genau, ja. Es ist manchmal die Frage, was zuerst da war: Die Droge oder der Stressor. Wenn wir mit Patienten reden, dann berichten sie natürlich über viele Konflikte aus der Vergangenheit. Es ist immer schwer nachzuvollziehen, ob der Grundkonflikt schon vorher da war, oder erst später durch den Konsum entstanden ist. Ganz sicher lässt sich sagen, dass ein geringeres Selbstbewusstsein dazu beiträgt, dass man sich über Suchtstoffe sozusagen belohnt. Man erfährt, z.B. durch den Alkohol, eine Entlastung im Denken und kann so besser mit dem Stress umgehen. Das verändert die Selbstwahrnehmung. Nicht wenige Patienten berichten vor der Therapie von einer Depression. Im Laufe der Behandlung stellen sie jedoch fest, dass der Alkohol sie depressiv gemacht hat.

 

Es gibt auch Phasen im Leben der Patienten, die man als Therapeut nicht direkt besprechen kann, weil z.B. die Prägungszeit als Kind, die sensible Phase, sehr traumatisch war. Die Patienten haben oft den Zugang zu diesen Erinnerungen verschlossen. Wie sind wir geprägt? Welche Bindungserfahrungen haben wir gemacht? Wie fürsorglich waren die Eltern? Wie sind sie umgegangen mit Bedürfnissen? Diese Aspekte haben ganz klar Auswirkungen. Habe ich viel alleine geweint oder habe ich Schutz erfahren? Es gibt viele Vertreter, die der Ansicht sind, man sollte die Kinder weinen lassen, andere wiederrum nicht. Eine klare Entscheidung gibt es noch nicht. Aber natürlich sind auch Erfahrungen im späteren Verlauf des Erwachsenwerdens wichtig: gab es vielleicht in irgendeiner Form Gewalterfahrungen oder andere Dinge, die nicht gut gelaufen sind. Wurde man in der Schule gemobbt oder ähnliches? Das sind alles Faktoren, die natürlich dazu beitragen, dass man Stress erlebt. 

 

Also, würden Sie es ausschließen, dass man nur süchtig nach dem Suchtmittel sein kann? Spielen immer andere soziale/seelische Probleme eine Rolle?

 

Ich würde sagen, dass es in ca. 99% der Fälle so ist, ja. Ich habe auch schon Menschen hier gehabt, die gesagt haben: „Ich hatte eine super Kindheit, eigentlich ist immer alles toll gelaufen. Ich habe aber mit meinen Freunden viel getrunken und irgendwann ist das eben zu einer Abhängigkeit gekommen“. Ich sehe das immer ein wenig skeptisch. Ich habe da so meine Zweifel, wenn mir das so beschrieben wird. Es gibt nun mal sehr viele Menschen, die, um beim Thema Alkohol zu bleiben, Alkohol trinken und nicht abhängig sind. Eigentlich gibt es ja schon für jeden, der in gewissem Maße trinkt, negative Konsequenzen durch das Trinken – und sei es nur der Kater am nächsten Morgen. Hier sollte ich, wenn ich einen gesunden Umgang mit mir selbst pflege, hinterfragen, ob ich so viel trinken muss. Wenn ich das hinterfragen kann, dann bin ich eigentlich auch in der Lage mit dem Trinken aufzuhören, bevor ich in die Abhängigkeit gerate.  

 

Alkoholismus gilt als Krankheit. Glauben Sie, dass bei Patienten so der Eindruck entstehen kann, dass man seine Verantwortung eher auf die Krankheit schiebt und gar nicht selbst versucht etwas zu verändern?

 

Das versuchen wir häufig an den Patienten zu prüfen. Wir bieten ihnen an, sich eine Skala vorzustellen. Die jeweiligen Enden, also 0 und 10, bilden die Extreme: ich habe gar keine Verantwortung und stehe außen vor, oder, ich fühle mich komplett verantwortlich. Viele der Patienten würden die Verantwortung tatsächlich bei sich selbst sehen.

 

Dank vieler Studien ist deutlich geworden, dass auch gesellschaftliche Bedingungen eine ganz zentrale Rolle spielen, also baeispielsweise wie teuer alkoholische Getränke bzw. Spirituosen sind und ob diese immer verfügbar sind.

Der Begriff „Krankheit“ im Bezug auf Sucht war natürlich ein wichtiger Schritt, weil dadurch überhaupt erst eine Behandlung legitimiert worden ist. Sonst würden diese Therapien gar nicht von den Krankenkassen oder Rentenversicherer bezahlt werden. Das ist natürlich ein ganz zentraler Punkt.

 

Aber für die Patienten, die hier sind, geht es vor allen Dingen darum, sich bewusst zu werden: Es ist eine chronische Erkrankung und ich muss gut für mich sorgen. Und das kann man eben besser, wenn man einsieht, dass ich selbst Verantwortung zu übernehmen habe. Als Betroffener darf ich nicht in die Falle tappen und glauben, dass meine Probleme nur von Außen kommen. So funktioniert das nicht. Es ist ähnlich wie bei Diabetes. Wenn man sich ständig den Kuchen reinschiebt, obwohl man Diabetes hat, dann ist das etwas, was auf Dauer nicht klappen wird.  

 

Da haben Sie mir eine perfekte Überleitung gegeben: Thema Suchtverlagerung. Von Alkohol und Zigaretten zu Kaffee und Kuchen. Wird da aus therapeutischer Sicht ein Auge zugedrückt? Hauptsache der Patient trinkt nicht mehr?

 

Ich glaube, dass dieser Eindruck tatsächlich entstehen könnte. Aus Erfahrung kann ich an dieser Stelle sagen, dass am Anfang der Abstinenz Verlagerungen stärker auftreten. Das ist in sofern nachvollziehbar, da viele Suchtstoffe oral eingenommen wurden. Sich dann etwas anderes, sozusagen „zu erlauben“ und zu schlucken, macht anfangs Sinn. Für jeden sollte das Ziel sein, einen ausgewogenen Lebensstil zu finden. Dazu gehört eben auch, sich mal was zu gönnen. Natürlich keinen Alkohol oder andere Drogen. Aber ein Stück Kuchen, grundsätzlich, darf und sollte schon erlaubt sein.

 

Die sogenannte Suchtverlagerung ist ziemlich zum Schlagwort geworden. Ich glaube für die wenigsten ist es tatsächlich so, dass sie von einer Alkoholabhängigkeit in eine Adipositas oder Fresssucht verfallen. Aber das Bild entsteht ganz oft, wenn vermehrt erst einmal andere Dinge so zu sich genommen werden, wie früher der Suchtstoff. Deswegen sind wir da anfangs eher ein bisschen zurückhaltender, beobachten die Situationen und lassen uns das Verhalten vom Patienten beschreiben. Erst dann würden wir darüber sprechen, über einen gesunden Umgang und welche Alternativen es gibt usw. Solange alles im „normalen“ Bereich bleibt, haben wir aber einen eher sanfteren Blick darauf.

 

Gerade unsere Patienten im ganztägig ambulantem Setting, sind sehr leistungsorientierte Menschen. Sich etwas zu gönnen, fällt ihnen eher schwer. Und von daher wäre so ein Stück Kuchen etwas, was wir gut fänden. Über so eine Belohnung fällt es grundsätzlich leichter alte Gewohnheiten abzustellen oder zu verändern. Wenn sie sich alles verbieten und versagen, dann kann es nur zu einer Unzufriedenheit kommen und das ist keine gute Basis, um dauerhaft abstinent zu sein. 

 

Was glauben Sie, sollte vorhanden sein, damit man nicht auf den Gedanken kommt sich ein Suchtmittel gönnen zu müssen?

 

Ja, da würde ich an den Begriff des ausgewogenen Lebensstils appellieren wollen: Work-Life-Balance. Tatsächlich glaube ich, dass es ein Ungleichgewicht im Leben der Betroffenen gibt. Zu viel Arbeit, zu viel Druck von Außen, viele Ansprüche, auch Selbstansprüche. Diese Ansprüche haben wir verinnerlicht. Thema Sozialisation: wir lernen, wie man sein soll, und so sollen wir dann leben. Möglichst nach der Schule ein Studium machen, den hochkarätigen Job finden, großes Haus, dickes Auto und viele, viele andere Dinge. Wenn der Blick zu stark auf das gerichtet ist, was man leisten und erreichen soll, dann ist eben Freizeit nicht mehr wichtig, geschweige denn akzeptabel. Zu funktionieren wird wichtig. Wenn das so ist, dann muss das zwangsläufig zu einer Unzufriedenheit führen. Spätestens dann kommt der Wunsch, nach einer schnellen Belohnung. Dann sind wir schnell wieder im Bereich der Suchtstoffe angekommen. Diese können eine Belohnung bzw. ein vermeintlich gutes Gefühl, ganz schnell hervorrufen. Das heißt eigentlich für jeden zu schauen, was meine Belastungen sind und wie ich dem ganzen mit Entlastungen begegnen kann. Work-Life-Balance, der große Begriff, der seit vielen Jahren in den Medien kursiert. Das ist der Spagat den wir in unserer Gesellschaft schaffen müssen. 


 

 

Frau S. Gummersbach hat ihre aktuellen Patienten gefragt,

weshalb sie glauben eine Abstinenz nicht aufrechthalten zu können:

 

// Willensschwäche // aufgrund der Alkoholkrankheit // die Achtsamkeit fehlt //

//die Konsequenzen sind mir nicht bewusst // ich bin nicht stark genug //
// Abstinenz erscheint mir sinnlos // Konfrontation mit Suchtmitteln im Alltag //

// wegen Belastungen verfalle ich in alte Muster zurück //
// Weil mir der soziale Rückhalt fehlt // 

 


Zum Abschluss etwas Perspektive. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, für die Therapie oder die Patienten, was sollte passieren, was sollte sich ändern? Was würden Sie sich, aus therapeutischer Sicht wünschen?

 

Das finde ich eine sehr schöne Frage. Was sollte sich ändern? Also ich glaube grundsätzlich ist unser Angebot mit dem ganztägig-ambulanten Konzept, etwas das noch stärker ausgebaut werden sollte. Zu dem habe ich das Gefühl ich, dass die vermittelnden Fachstellen eher glauben, dass die betroffenen Menschen mehr Schutz benötigen. Dass sie abgekapselter sein müssten. Ich sehe es für viel sinnvoller an, Suchtkranke wieder ins normale Alltagsleben einzubinden. Das sollte das Ziel sein. Eine solche Behandlung sollte etwas sein, dass viel näher am Alltagsgeschehen ist.

 

Ich würde mir auch wünschen, dass wir unseren Rehabilitanden die Möglichkeiten geben können, sich auf Besuche im Nachtleben besser vorzubereiten. Vielleicht ein Projekt mit Ehemaligen - also abstinente Menschen und aktuelle Patienten, die zusammen den Schritt in die Gesellschaft machen. Diese Idee begleitet mich, gerade weil die Rehabilitanden hier immer jünger werden.

 

An sich sollten ehemalige Patienten mehr eingebunden werden können. Ich glaube, dass das tatsächlich etwas ist, was hilfreich sein kann. Wenn ich als Patient sehe, dass es Leute gibt, die über unsere Therapie ihren eigenen und neuen Weg gefunden haben.

Das „Kamillus meets School“-Projekt, bei dem Schulklassen im Austausch mit Suchtpatienten sind, welches Herr Bölling und Frau Dr. Klose initiiert haben, ist zum Beispiel so etwas, was ich ganz toll finde. Hier wird das Bild vom „Süchtigen“ korrigiert.

 

Es sind nicht die Menschen, die unter der Brücke hausen, sondern solche, die auch leistungsorientiert sind. Starke Menschen mit vielen tollen Facetten. Es ist schade, dass das nicht in unserer Gesellschaft ankommt. Den Menschen hier wird das einfach nicht gerecht. Leider ist das in vielen Bereichen von Krankheiten so. Vielleicht im Speziellen auch wenn es um Suchterkrankungen geht. 

 

Also der Wunsch, nach Außen präsenter zu sein. Nicht die Suchtkranken zeigen, sondern die starken, leistungsorientierten Menschen dahinter.

 

Ja, häufig sogar stärkere Leute, die viel aushalten mussten. Die eben versucht haben, etwas zu kompensieren. Die eigentlich eine Menge an Stärken im Repertoire haben. Da würde ich mir tatsächlich wünschen, dass das auch in den Medien besser deutlich wird. Ich würde gerne mehr Erfolgsgeschichten hören als solche, in denen von persönlichen Abstürzen berichtet wird. 

 

 

 

Wir wollen das Beste hoffen.

Vielen Dank für das Interview : ) 

 

 

 

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Sucht und Abstinenz - 21.03.2018
Interview_Gummersbach_2018-03-21.pdf
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Copyright © 2018, Mathias Seyen. All Rights Reserved.

 

Mehr Informationen zur ganztägig ambulanten Rehabilitation Sucht am Alexianer Krankenhaus Köln auf der Webseite unter www.alexianer-koeln.de/unsere_angebote/rehabilitation_sucht/

 



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