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Kapitel 2

2008: mein erster Job in Köln.

So, jetzt erstmal was zu mir. Nach der schulischen Ausbildung und einem tollen Zivildienst in Krefeld, fange ich meinen ersten Job in Köln an. Und dann noch bei nem Marken-Unternehmen. Grandios! Die Abteilung in der ich anfange wird sogar mehr und mehr ausgeweitet. Ein Online-Shop mit Kundenservice. Yes. Im Nachhinein war es toll... währenddessen nicht so. Zumindest bis zu dem Punkt an dem ich vom Gestalter zum Kundenservice-Mitarbeiter wurde... „MEINE TASSE IST KAPUTT GELIEFERT!!!“ Na gut. Dann halt Retoure per Post, in der Filiale umtauschen oder Geld zurück... Erste-Welt-Probleme... aber ich konnte damit umgehen. Und die Kunden waren zufrieden... die Chefs aber anscheinend nicht. Nach der Kündigung ging’s ne Nummer größer weiter... 2012, ich sag nur „Leuchtmittelhersteller“, und nicht Phillips ;) Da war ich zwar auch wieder Gestalter, aber mit Marketing ☺ und das konnte ich. Und das wollte ich. In kurzer Zeit entwickelten sich mehr Fähigkeiten als ich gedacht habe. Aber danach war auch wieder Feierabend... Die Tochterfirma, in der ich war, wurde von der Mutter aufgekauft, und ich war mir sehr sehr unsicher... daher Kündigung und Suche nach neuen Abenteuern... 2015 wurde ich dann „Berater“. Sozusagen ein Quer-Einstieg in die Materie. Aber auch das wurde großartig gemeistert. Zwar wurde mein 2-Jahresvertrag nicht verlängert... weshalb ich jetzt wieder auf der Suche bin... aber es hat mich weitergebracht. Nicht mehr ausführender Gestalter, sondern, zumindest bewerbe ich mich auf solche Stellen, Online-Marketing-Manager. Eine Bezeichnung mit der meine Eltern mal gaaaaaar nicht anfangen können. Aber

 

egal. Solang die Bezahlung stimmt und es mir Spaß macht... naja, ich möchte schon den Sinn darin sehen... daher erhoffe ich mir vom bevorstehenden Gespräch auch sehr viel. Wir werden sehen.

 

Gerade kommt es mir vor als würde ich einen Blog schreiben... obwohl ich noch nie einen Blog geschrieben habe... aber die Tipperei und die Gedanken tummeln sich gerade. Und ich befürchte einen Exkurs in die Vergangenheit.

Damals, also als ich den Job in Köln angenommen habe, war ich mit, nennen wir ihn René, zusammen. Er war Grund, weshalb es mich nach Köln zog. Aber nach der Probezeit war Schluss mit ihm. Gut, wir waren 10-12 Jahre auseinander... aber mögen das „alte“ Männer nicht? N junges Kerlchen? Anscheinend nicht. Nach Lug und Betrug und einer harten Story war Schluss: Damals war die Foto-Messe in Köln. Da wollte ich hin. Er konnte nicht, hatte ne Schulung oder so... daher ging ich allein hin. Nach der Messe wollte ich zu ihm... er wollte bei nem Freund in Essen übernachten, um nicht im Hotel zu sein. Ja ja... nach vergeblichen Anrufen habe ich versucht den besagten Freund zu erreichen... dieser wusste aber nicht, dass René überhaupt in der Stadt ist... also bin ich zu ihm. Keiner da... irgendwann kam er dann. Liebe Grüße hat er noch ausgerichtet. Ich sagte ihm dann, dass ich den Freund angerufen habe, und er nichts davon wusste dass René bei ihm übernachtet hätte... dann kam das Geständnis: Er habe jemanden getroffen, den Abend verbracht, Wein getrunken, gegessen, und natürlich noch mehr. Geschlafen, gefrühstückt, und noch mehr

rumgemacht... Es ist nicht so dass wir eine monogame Beziehung gehabt hätten... aber mich um einen ganzen Abend mit weintrinken versetzen? Mit jemand anderen? Und das dann noch als Schulung verpacken? Am Arsch! Da war Schluss... ich mein, wir hatten unsere „offene“ Zeit“... aber so verarschen lassen lass ich mich dann nicht... bzw. nicht um einen gemeinsamen Abend plus folgendem tollen Guten-Morgen-Sex mit Frühstück!

 

Eines Morgens stand ich dann am Bahnsteig,

an dem Schienenstrang zur großen Welt,

und ich wusste plötzlich auf dem Bahnsteig,

dass mich nichts in dieser Stadt mehr hält.

Heute, nach allein durchweinten Nächten,

halt ich es vor Heimweh nicht mehr aus:

In dieser Stadt

kenn’ ich mich aus,

in dieser Stadt

war ich mal zuhaus;

wie sieht die Stadt wohl heute aus?

in dieser Stadt war ich mal zuhaus.

(Hildegard Knef)

 

 

 

Ich habe mir dann meine eigene Wohnung gesucht. In der Südstadt. Tolles Veedel! Da blieb ich auch lange. Der Kontakt mit René brach für zwei Jahre ab. Er hatte ganz schön Scheiße gebaut... aber das wurde ihm irgendwann klar. Die Entschuldigung Jahre später nahm ich an. Unter Tränen gestand er sich, wie asozial sein Verhalten gewesen war. Schön. Danke. Das hätte ich zwar damals gebraucht... aber besser spät als nie. Jetzt bin ich zwar an dieser Erfahrung gereift... aber will man das? 

 

 

Ich bin also in Köln. Allein, jung, schwul, anscheinend attraktiv. Was will man mehr? Anerkennung dafür verdammt!!! Aber wo bekommt man die her? Von meinem damaligen Job nicht. Wegen des Jobs hab ich öfter mal gern zum Feierabendgetränk gegriffen. Erst nur ein Bier, dann zwei, dann auch mal ein drittes. Später wurden vier fast normal. Nicht gut. Und das nur wegen ihm? Nur wegen dem Job? Das kann es nicht sein. Ich muss Sport machen. Laufen! Ich wohne doch am Rhein. Tolle Strecken am Fluss, durch Parks, an Wiesen vorbei. Wozu dann die Gedanken noch mit Alkohol versauen?! Das Laufen tat mir verdammt gut. Ich habe sogar bei organisierten Läufen mitgemacht.

 

5km Run-of-Colours, 10km Frühlingslauf, 16km Brückenlauf. Der Wahnsinn. Ich war topfit. Zwar hauptsächlich wegen der „externen“ Anerkennung, aber ich war fit. Das zeigte ich auch. Ich ging oft in besondere Clubs, nur mit Handtuch um den Lenden... und in die Kabinen... naja, stolz bin ich nicht drauf. Aber es hat oft Spaß gemacht. Manchmal aber auch nicht. Ich bin öfters ohne „Happy-End“ nach Hause und verfluchte meine Entscheidung.

 

Vor allem da ich 2-3 mal auf dem Heimweg von Halbstarken angemacht wurde... nicht dass man mir ansehen würde dass ich auf Männer stehe, aber die Jungs hatten es wohl auf mich abgesehen. Ohne blaue Flecken im Gesicht, dafür aber am Körper, durfte ich mich dann nach Hause schleppen... ne Scheiß-Zeit! Aber ich bin aufgestanden. Beim vierten Mal hab ich zurückgeschlagen. Und der jenige ging zu Boden... ich umso schneller nach Hause... aber ich hatte ein Erfolgserlebnis. Ich lass nicht alles mit mir machen. Ich stecke zwar gut ein. Aber ich kann auch genauso gut austeilen! Von wegen Schwuchtel! Zum Hobby sollte es nicht werden. Aber ich wusste jetzt, dass ich mich erfolgreich verteidigen kann. Ab da machte 2010 Spaß.

 

Naja... bis nach Karneval – als klar wurde, dass ich mich ggf. mit HIV ansteckt hab... war am Ende auch so. Aber dazu später mehr. Trotzdem hab ich 2010 jemand neuen kennengelernt. Gut, übers Internet, aber das macht man ja so ☺ Ganz süß, strahlende Augen, zwar was klein und dünn, aber ok. Aber nicht soooo ok. Student... und ich mit normaler 40Std-Woche... das konnte ja nichts werden.

 

Am Ende hat er Schluss gemacht... was beim zweiten Mal nicht so schlimm war. Obwohl es Weihnachten war. Dann gehörte mir halt das Jahr 2011. Yeah!

 

Es war das, das und nicht mehr

ein Glück ohne Wiederkehr bunter Ballon, zum Fliegen zu schwer, nur das, und nicht mehr

(Hildegard Knef)

 

 

Ab jetzt konnte ich mich mal wieder mit mir beschäftigen. Was hat mich dort hingebracht, wo ich gerade bin?

Das sollte ich mich öfter fragen. Ich sollte manchmal ggf. sogar dafür dankbar sein, was mir passiert ist, um jetzt hier so zu sein wie ich bin. Aber wer macht das im Alltag? Ich nicht. Ich schreibe ja grad ein Buch. In meiner Freizeit. Die ich anders verbringen könnte. Aber ich will anscheinend nicht ☺

 

Deshalb sitz ich hier und stöbere nach Situationen aus der Vergangenheit.

 

Ich bin Einzelkind. Das soll erst mal nichts heißen. Es gibt zwar diese Vorurteile über Einzelkinder... aber die kennen ja alle wohl zu genüge. Angeblich war ich als Kind recht ruhig. Genügsam, selten laut, kam mit anderen zurecht und hab gern mit anderen geteilt und gespielt. In der Zeit in der ich alleine war, hab ich auch gespielt. Und viel nachgedacht. Manchmal glaube ich dass ich zu viel nachgedacht habe. Ich habe auch gestottert. Dank einer Logopädin hat sich das aber im Grundschulalter bzw. am Anfang der Realschule gelegt. Die Zahnspange und die Brille haben mich dann aber zunehmend erneut verunsichert... ich habe zwar seltener gestottert... aber selbstbewusst war ich nicht. Ich war eher der pummelige, auf den alle rum hackten. Das war auch einfach. Ich hab mich nicht gewehrt. Erst zuhause habe ich Emotionen zugelassen und geweint... nicht das meine Eltern was gemerkt hätten... da war ich ein guter Schauspieler. Ich glaube als ich mit 14 zu rauchen angefangen habe, hat mir damals geholfen. Klar, rauchen ist nicht gut... aber die „anderen“ fanden mich dann besser. Heutzutage undenkbar. Heute ist man besser dran wenn man’s erst gar nicht gemacht hat, oder es aufgehört hat. Aber egal. Ich rauchte ab 14. Toll. Anerkennung... Lungenkrebs, aber cool. Die Jungend! Unglaublich. Dann folgten Alko-Popps und ich war Bestandteil der Clique. Irre! Ein nie dar gewesenes, euphorisches Gefühl. Bestandteil von etwas sein. Was hatte ich davon? Einen Kater am nächsten Tag. Großartig! Aber auch das war egal, das gehörte ja dazu... ich gehörte ja jetzt dazu... also wird das wohl so sein müssen. Schwul? Kein Thema. Wusste ja auch keiner ☺ Aber als ich so frei war und es gesagt habe, war es für keinen ein Problem. Das hat mich erleichtert.

 

Mir tun die Leute leid die nach ihrem Outing Probleme im Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis haben. Ich hatte das nicht. bzw. nicht offensiv. Jahre später hatten sich meine Tante inkl. Cousin/Cousine abgewandt, aber da gab es noch mehr weshalb ich im nachhinein nicht traurig bin, dass sie nicht mehr zu meinem Leben zählen. Aber die Leute die mir nahe standen, standen weiterhin zu mir. Und das tat mir sehr gut. Ich glaube das sollte ich den Leuten mal sagen. Ich finde sowieso, dass wir mehr Dankbarkeit zeigen sollten, selbst für die kleinen Dinge, die wir manchmal als selbstverständlich hinnehmen. Andere Leute sehen diese Dinge vielleicht nicht als selbstverständlich an. Daher sollten wir uns, in erster Linie ich mir, vornehmen, mehr Dankbarkeit zu äußern. So merken unsere Mitmenschen, dass wir Wert auf deren Handeln legen. Und dass wir deshalb mit ihnen befreundet oder sogar zusammen sind.

 

DANKE

 

 

Wenn du mich einmal loswerden willst, sag’s bitte nicht auf einmal,

sag’s vorsichtig und leise,

ich erschreck’ nämlich so leicht,

denn wenn du es mir plötzlich sagst, dass du mich nicht mehr magst,

ich glaub’ das würd’ ich gar nicht überleben.

(Hildegard Knef)

 

 

Bevor wir zurück zum Studenten kommen, möchte ich kurz das Vorstellungsgespräch reflektieren. Das Büro hat mir sehr gefallen. Der Chef und der Marketing-Mann waren sehr nett... aber! Mir kam es vor als würden sie einen „Fach-Idioten“ suchen. Und, was mich gewundert hat, sie wollten nichts persönliches von mir wissen. Sie haben weder gefragt noch kam ich dazu etwas von mir zu erzählen. Komisches Gespräch... wie dem auch sei.

 

Nennen wir den Studenten mal Carsten. Ein niedlicher Kerl mit Drei-Tage-Bart. Anfang 2010 hatten wir uns kennengelernt. Aber wegen seines Studiums bzw. weil wir so einen konträren Alltag haben, habe ich mich erst mal nicht auf etwas namens Beziehung eingelassen. Ein paar Monate später dann aber schon ☺ ein schöner Sommer. Doch irgendwann waren wir nicht mehr so verbunden. Er machte Schluss, weil ihm das „für immer und ewig Gefühl“ fehlte... nach 2-3 Monaten schon? Wow! Ok, ab jetzt war der Sommer scheiße. Einen Monat später wollte

er dann doch wieder. Juhu! Ein schöner Herbst. Kurz vor Weihnachten das gleiche Spiel. Da war endgültig Schluss. Er rief nicht mehr an, erzählte nicht was er vor hatte... weil er sich nicht mehr verbunden gefühlt hat. Toll! Schöner Einklang für das Weihnachtsfest bei meinen Eltern. Nun denn.

 

Ich startete also in ein neues Jahr, als Single. Mit allen Möglichkeiten.

Mal wieder.

Ich feierte die Karnevalstage von Donnerstag bis Dienstag durch. Unglaublich was ein Körper alles leisten und aushalten kann. Meine Geldbörse aber nicht. Alles verloren.

 

Ich brauchte einen Haushaltsplan.

Sparen wo es geht um aus den Miesen raus zu kommen – so war der Plan. 

 

 



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