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ent-mobilisiert

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und noch ein Artikel :)

ich komm aktuell nicht zu Schreiben für mich

ich schreibe gerade viel für SHALK (neue Flyer zum

Thema Chat- und Internet-Sucht, Poppers, ChemSex

und so weiter)

 

Frohe Feiertage

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Einfach mal abschalten

Ich weiß nicht der wievielte Beitrag das für Dich ist, der das Thema Handy, mobile Endgeräte oder Digitalisierung anspricht. Aber mich beschäftigt es seit ein paar Monaten. 

 

Im Hochsommer war ich gezwungen mein Handy für einige Stunden am Tag auf Flugmodus zu stellen oder sogar ganz auszuschalten. Ich bewahrte es auch nicht in meiner Hosentasche auf, sondern in einem abschließbaren Schrank. Von ungefähr 8:00 Uhr morgens bis 17:00 Uhr am Abend hatte ich, nach einigen Wochen, mein Handy überhaupt nicht mehr im Blick. Jetzt, nach knapp fünf Monaten, gibt es keinen außerordentlichen Grund mein Handy nicht wieder mit mir zu führen. Es ist an. Mich erreichen umgehend alle Nachrichten über den Tag verteilt. Ich war es gewohnt mich erst abends damit zu beschäftigen, sobald mein Handy wieder aus seinem Flugmodus erwachte. Jetzt bin ich erneut und ständig mit Anfragen konfrontiert. Seien es wichtige Fragen wie es mir geht, ein Bild von einer Katze mit Nikolausmütze und ob man sich vor den Feiertagen nochmal sieht oder andere Nebensächlichkeiten, die auch nicht sofortiger Bearbeitung bedürfen. Ich bin kurz davor mein Handy wieder abzuschalten. Aber was soll das? Warum fühle ich mich auf einmal so bedroht von diesem Medium?

 

 

Ich hatte tatsächlich im Herbst meine persönliche Unabhängigkeit neu kennengelernt. Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, wie eingespannt und beschränkt ich durch mein Smartphone wurde. Abgesehen von der Uhrzeit, gab es nichts Wichtiges, dass ich vom Bildschirm hätte ablesen müssen. Meine (normale) Armbanduhr liegt seit Jahren in irgendeiner Schublade. Natürlich ist es praktisch: immer und überall erreichbar, immer und überall (wo man Netz hat) kurz googeln wo man ist, wo man hin möchte, was man essen soll, wie der Vogel heißt der die Kinder bringt, was Lady Gaga beim letzten Auftritt an hatte... und so weiter. Aber ist das immer nötig? Reicht es nicht, wenn man das später macht? Macht man es denn später überhaupt noch? Ich versuche mir anzugewöhnen, das, was ich gerade googeln möchte, mir zuerst als Erinnerung einzuspeichern, für den Zeitpunkt wenn ich zuhause bin. Dort wird mir bewusst, dass ich ohne diese Information genauso schlau bin wie vorher. Zumal ich die Information sicher nicht im Kopf behalte und sie irgendwann wieder googeln muss. Aber es wird einem bewusst, wie unsinnig manche Suchbegriffe im WorldWideWeb sind. Vieles weiß man ggf. schon, ist aber zu faul nachzudenken. Und viele Informationen bringen auch überhaupt nichts. Selbstverständlich ist es schön, dass mir meine Mutter, ohne Berücksichtigung der Deutschen Rechtschreibung, Grammatik oder Kommata, Nachrichten simst, um zu fragen, was ich Weihnachten essen möchte. Aber wenn sie mal kurz überlegen würde, erinnert sie sich eventuell, was ich die ersten achtzehn Jahre aß als wir noch zusammen wohnten (ein Auge-zugekniffen-Emoji). Zumal sie mich auch einfach anrufen könnte.

 

Aber zurück zu mir. Ich trage mein Handy wieder mit mir. Gerade heute Morgen musste ich beobachten, wie eine länge „Unterhaltung“, über einen bekannten Nachrichtendienst mit W, mich verkrampfen lies. Ich war dabei in einem nahegelegenen Waldstück zu spazieren. Mir lag die gesamte Natur zu Füßen. Alte, großgewachsenen Bäume, ein strahlender Himmel und ich war damit beschäftigt mit meiner Handfläche das Display meines Handys abzudecken, um im Schatten zu erkennen, was man mir geschrieben hat.

 

 

Irre! Ich war umgeben von der Schönheit unserer Mutternatur und beschränkte mich mit gesenktem Blick auf wenige Quadratzentimeter, um mit jemanden über Belanglosigkeiten zu kommunizieren. Ich machte es aus. Ich hob meinen Blick, atmete tief ein und ließ mich wieder zum Teil meiner Umgebung werden. Ich fühlte die kühle Luft, die dezente Feuchtigkeit, das Rascheln der Blätter und spürte Sonnenstrahlen im Gesicht, die es durch die Kronen der Bäume zu mir hindurch schafften. Ich konnte nicht mehr verstehen, warum ich mich auf diese Miniaturversion der Welt beschränkte und nicht in dieser vorhandenen, realen Welt war. Ich konnte hier und jetzt handeln. Hier und jetzt Dinge erfahren, berühren, riechen und schmecken. Dort auf dem Display bot sich mir nur eine Ahnung von dem, was mich wirklich erwartet. In all den Chats gab es keine Jahreszeiten, die sich änderten, außer ich wechselte das Hintergrundbild. Ich sehe den praktischen Nutzen und stellenweise auch die Notwendigkeit mit Leuten in Kontakt zu kommen, bzw. die Tür zu Kontakten zu öffnen.

Aber mit dem Smartphone kann ich nicht durch diese Tür, zu dieser Person, gelangen.

Ich kann sie nicht berühren, umarmen, da sein.

Wir können uns alle Fotos von allen Menschen auf der Welt anschauen. Aber wir sind nicht dort. Wir verstecken uns hinter unseren immer größer werdenden Bildschirmen (ich erinnere mich noch an die Anfänge, da haben wir geprahlt, wer das kleinste Handy hat).

 

Die wenigsten von uns gehen auch wirklich an diese ergoggelten Orte und probieren Neues aus, essen exotische Speisen, entdecken verwinkelte Gassen oder haben kuschelige Beuteltiere auf den Schultern.

 

 

Wie mit allen Türöffnern müssen wir lernen mit ihnen umzugehen. Wir haben uns in Smombies verwandelt, statt die Möglichkeiten dieser Technologie für uns zu nutzen. Wir lassen uns benutzen. Von diversen Marketinglösungen um den Verkauf anzukurbeln bis hin zu ewiger Erreichbarkeit. Ich würde mich gerne mal mit jemanden verabreden, der mir nicht 5-10 Minuten vorher schreibt, dass er sich verspätet. Wir nehmen keine Termine mehr ernst, da wir uns jederzeit melden können und sagen, dass wir uns verspäten. Solche „Versprechen“ oder „Verpflichtungen“ sollten wir aber ernst nehmen. Wir sollten unsere Mitmenschen ernst nehmen, sie respektieren. Es sollte uns nicht egal sein. Pünktlichkeit hat nichts mit Spießertum zu tun. Es ist eine geistige Haltung. Und dank einiger moderner Werkzeuge, verkommt unsere geistige Haltung. Es fängt mit banaler Unpünktlichkeit an, führt zur ernstzunehmender Zerstreutheit, geht so weit, dass wir uns nichts mehr merken können und nur noch googeln, bis hin zu kompletter Isolation und Vereinsamung (googeln sie mal Chatsucht oder Internetsucht). Ich bin erst dreißig aber die Entwicklung der letzten zehn Jahre ist stellenweise beängstigend. Der Durchschnitt der „jungen Leute“ die mir heute auf der Straße entgegenkommen, haben das geistige Niveau einer Zwergtrappe (bitte jetzt nicht googeln was das ist). Und das meine ich nicht abfällig, ich habe Angst. Unser Horizont sollte mit dieser technischen Meisterleistung eigentlich wachsen statt zu verkommen und von unserer Akkuleistung abzuhängen. Stellen Sie sich selbst mal ohne Handy in einer fremden Stadt vor. Trauen Sie sich das noch zu? 

Ich will es hoffen.

 

Das Handy mal weg zu legen, hat also nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass ich mich gegenüber der Digitalisierung wehre. Es ist viel mehr meine eigene Emanzipation gegenüber einer Entwicklung, die mir nicht gut tuen kann. Ich weiß, ich kann von meinem Smartphone profieren und es vereinfacht einige Dinge. Aber nicht zu jedem Preis. Nicht alles was man downloaden und als App nutzen kann, muss auch zwangsläufig gut für mich sein. Wir dürfen nicht verlernen nachzudenken und abzuwägen. 

Skepsis hat noch niemanden umgebracht. 

Dafür wurden schon so manche Smombies vom Auto angefahren.  :) Und das Problem ist da natürlich nicht das Handy selbst, sondern der hirnlose Nutzer am Endgerät ;)



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