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Letzter Reha-Tag

Mein letzter Tag in der Reha-Sucht. Ich bin überwältigt. Gestern Abend habe ich schon geheult. Vor Freude, aus Selbstmitgefühl, weil ich es schafft habe. Ich kann es! Ich kann was! Wenn ich mir was vor nehme, dann klappt das! Ich bin seit sieben Monaten trocken und einem Monat rauchfrei. Und mir geht es gut! Ich bin aktiv, motiviert und hoffnungsvoll bzw. realistisch und optimistisch eingestellt.

 

Ich habe vier Monate, 16 Wochen, knapp 112 Tage, ca. 650 Stunden geschafft... nur Therapie und Selbsthilfe, ohne private Gespräche mit Partner, Freunden, Familie. 650 Stunden! Wenn ich diese Stunden auf eine Psychotherapie-Stunde in der Woche hochrechne, komme ich auf 13 Jahre! Ok, ggf. geht eine Stunde mal was länger und mal hat man ggf. zwei Einheiten die Woche oder mal Urlaub... aber irgendwas zwischen 7 und 10 Jahren sollte realistisch sein. All das was ich in den letzten 16 Woche gemacht habe, hätte ich alleine, mit einer Therapiestunde die Woche, überm Daumen, in 10 Jahren geschafft. dann wär ich jetzt 40! Ok, dann wäre ich ggf. auch schon 10 Jahre trocken.. ähm nein! Sicher nicht. Das hätte ich alleine nie geschafft! Never ever! Ich hätte so viele Rückfälle gehabt... ich weiß dass ich es geschafft habe, das ich allein es geschafft habe, aber ich habe es nicht alleine geschafft. Ohne all die Menschen, meinen Partner, die Freunde, Therapeuten und Rehabilitanden (Fachausdruck ☺ weil Mitpatienten wohl nicht korrekt ist), wäre ich jetzt nicht da wo ich jetzt stehe. Und ich würde auch nicht so stehen wie

ich stehe: fest und doch flexibel... danke für die Acht Brokate von Mr. T ☺

 

Was mache ich jetzt? Erst mal atmen. Ich genieße meinen letzten Tag. Auch wenn ich gestern und vorgestern tierisch genervt war. Ständig wurde die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt: Herr Seyen, das ist ja Ihre letzte Stunde, Herr Seyen, Sie dürfen sich was wünschen, Herr Seyen, Sie haben es ja fast geschafft, Herr Seyen Herr Seyen Herr Seyen Herr Seyen... aaaaaaaaaaaaaahhhh! ☺ Ich stehe ja so gerne im Mitelpunkt. Das wird mir bei der offiziellen Verabschiedung auch noch bevor stehen. Oh Mann. Ich habe die letzten 12 Stunden schon so viel geheult. Eigentlich müsste ich leer und ausgetrocknet sein ☺ Aber schon kullern wieder so salzige Tröpfchen aus meinen Augen. Der Wahnsinn. Es überwältigt mich einfach. Ich bin ggf. sogar gerade Stolz auf mich ☺ Meine Bezugstherapeutin fällt wahrscheinlich gerade vom Hocker ☺ (Randnotiz an dieser Stelle: High-Heel- Sneaker sind verdammt cool ☺).

 

Gestern Abend kam es über mich. Ich habe schon gemerkt und regelrecht genossen zu spüren, dass sich bei mir ein starkes Selbstmitgefühl breit macht. Nicht Selbstmitleid! Selbstmitgefühl. Eventuell sogar auch ein Anflug von Stolz. Und ich habe mich vor meinen Spiegel im Flur gestellt und „You got it“ von Whoopi Goldberg laufen lassen. Sicher 4-5-6 mal. Ich habe mich angeschaut, mir in die Augen geschaut, mich umarmt und mir zu gesprochen. Ich habe es geschafft! Und komme was wolle, ich schaffe alles was ich mir vornehme! Ich hab vor Freude geheult.

 

 

 

Etwas in dir wird dich tragen, wenn du glaubst zu schwer zu sein.

Etwas lässt die Flügel schlagen, wenn du trudelst wie ein Stein.

Etwas, irgendetwas wird da sein, wenn du schon nichts mehr siehst.

Etwas wird dich nachts begleiten, wird dich führen, wird dich leiten, wenn du durch dein Dunkel gehst.

Eine Stimme wird dich tragen...
Den Rest besorgt die Zeit, den Rest besorgt die Zeit,

spann nur deine Flügel weit und breit,

den Rest besorgt die Zeit.

(Klaus Hoffmann - Den Rest besorgt die Zeit)

 

 

 

Und heute morgen auf dem Weg zur Bahn ging’s wieder los. Vivaldis Winter lief über meinen iPod und ich ließ herausragende Momente der 16 Wochen Revue passieren. Und Eskapaden von vor mehr als sieben Monaten. Ein überwältigender Rückblick im Kopf. Den hätte man aufnehmen sollen ☺ Und mir schossen wieder die Tränen in die Augen. Dann noch mal von der Bahn zur Reha. Diesmal hat es die Eiskönigin mit „Ich lass los“ geschafft mich zum weinen zu bringen. Alles Freudentränen. Alles mit Stolz und Dankbarkeit und Selbstmitgefühl. Ich bin mir selbst dankbar das alles geschafft zu haben. Ich bin allen Leuten dankbar, die mir auf meinem Weg begegnet sind, mich begleitet haben und Teil oder Zuschauer waren.

So viel Energie ist gerade in mir. Und sie explodiert nicht. Sie wühlt nicht wie Wut in mir. Sie schwingt oder pulsiert total angenehmen in mir. Und diese Energie bleibt in mir. Eine Wärme die nicht weg geht. Schwer zu beschreiben. Aber schön zu fühlen ☺

Was mache ich jetzt? Erst mal atmen. Gleich habe ich meine letzte PT-Runde. Ein Taschentuch habe ich mir schon eingepackt ☺ Ich weiß gar nicht was ich sagen werde. Ich habe zwar letzte Woche eine „Abschiedsrede“ oder letzte Worte geschrieben... aber die können gar nicht wider geben, wie ich gerade fühle... ich lasse es einfach spontan aus mir raus fließen. Mit einem riesigen Lächeln und Tränen in den Augen ☺

Aber meinen Wunsch versuche ich noch zu äußern: dass ich mir wünsche, in jeder Situation in der ich sein werde, zu mir stehen kann. Ohne Lügen oder Scham. Dass ich immer zu mir stehe und mich nicht verrate, meine Werte nicht verrate. Dann sollte alles gut werden.

Denn, komme was wolle, zur Not habe ich immer noch mich. Und mir kann ich vertrauen ☺

Hab ich schon erwähnt, dass ich jetzt seit 7 Monaten trocken und seit einem Monat rauchfei bin? Der Wahnsinn :) Im Nachhinein fällt mir ein, dass ich bei dem Schülerprojekt doch nicht mehr mitgemacht habe. Beim nächsten Mal war ich zu krank und beim dritten Mal war ich mir in dem Moment selbst wichtiger. Soll jetzt nicht egoistisch klingen... oder vielleicht doch... aber hier drehte sich viel bei mir im Kopf, auch bzgl. des Endes der Reha etc., aber egal. Für die beiden die

 

es gemacht haben, war es wohl sehr bereichernd... und diese Erfahrung möchte man doch niemandem nehmen oder? :)

 

Meine Therapeutin hat sich ein Abschiedslied für mich ausgesucht “Hier spricht dein Herz” von Gregor Meyle). Der Hammer. Als wüsste sie was in meinem Kopf vorgeht ;-) Ich kannte das Lied und hab nach den ersten Worten schon wieder angefangen zu heulen.

 

Es war echt eine schöne Verabschiedung. Nach dem Song gab es Geschenke :)

Imaginäre Geschenke. Was war dabei?

Ein Feuerzeug, so wie das von Dumbledor wenn er in Hogwarts die Kerzenlichter löscht. Nur dass das Feuerzeug mit Freunden funktioniert. Dass ich sie mir holen und wegschieben kann, so wie ich es brauche. Sehr cool :) Dann gab es einen Baseball-Schläger mit Schaum- stoffbezug zum abreagieren. Einen kleinen Balu der Bär zum Gemütlichsein. Ein Podest, damit mich jeder sieht und ein Megafon damit mich jeder hört. Ein Jahresvertrag im Osho-Zentrum :) Einen Geldkoffer, damit ich mir keine Sorgen machen brauche. Einen Panzer, damit ich mich durchsetzen kann und ein PokemonGo+, damit ich immer weiter laufen kann ohne von Handydisplay abgelenkt zu werden.  Mega!

 

Langsam verstehe ich die Mädels und die Heulerei bei Germanys-Next-TopModell... ich war so gerührt von dieser Gruppendynamik. der Wahnsinn. Da hätte mich auch eine Heidi Klum und zehn Kameras nicht zur beruhigen können oder mich seriös bleiben lassen :)

 

Hier ein Auszug aus dem Lied, voll schön: 

 

Komm schon
Es ist nicht alles ungerecht
Und es scheint so
Als wärst du noch zutiefst verletzt Wenn mans genau nimmt geht’s dir gut Und du liebst doch was du tust
Du erwartest viel zu viel
Denn der Weg ist das Ziel
Und alles bekommt man nie
Und jeder fragt sich
Wie man reich, berühmt und schön wird Ich bin dein Herz
Ich schlag tief in dir
Hör nie auf zu träumen, denn so Sprichst du mit mir
Ich bin ganz bestimmt immer ehrlich zu dir Und das wichtigste ist
Behalt dein Lächeln im Gesicht

(Gregor Meyle)

  

 

Fürs Wochenende haben mein Partner und ich beschlossen, einen Wellness-Tag einzulegen. In Gevelsberg gibt es noch ein Sauna-Dorf, dass ich nicht kannte. Äußerst entspannend :) Und ich hab mich wirklich wohl gefühlt. Ich hatte noch etwas Lesestoff mit für die Zeiten zwischen den Saunagängen. Doch irgendwann hat sich anscheinend ein Ungehagen in mir breit gemacht. Im Nachgang verstehe ich warum. Anfangs waren nur “alte” Leute da... und auch nicht sonderlich attraktiv :) später kam jüngeres Publikum dazu und einer war sogar ziemlich muskulös. Oh nein sogar zwei, obwohl ich den zweiten im Dampfbad nicht gut erkennen konnte :) Wie dem auch sein, ab da fühlte ich mich wohl nicht mehr so wohl. In den Momenten ist mir das aber nicht bewusst gewesen. Irgendwann haben wir dann zusammen gepackt und wollten los. Mein Freund braucht immer seine Zeit... oder ich bin zu schnell. Jedenfalls treffen wir uns zeitlich selten und ich warte auf ihn. Ich war schon komplett angezogen und fing in der Umkleide an zu schwitzen. Ab jetzt war ich ziemlich ruppig zu ihm. Habe ihn einen blöden Kommentar bzgl. meiner Wartezeit vor den Kopf geknallt und war nicht mehr die Ruhe in Person die ich vor einer knappen Stunde war.

 

Im Auto angekommen wollte ich zuerst sofort losfahren. Aber unsere geinsame Angespanntheit hat mich stocken lassen. So wollte ich nicht in den Straßenverkehr geschweige denn nach Hause.

Wir haben uns über diese Situation und die scharfen Kommentare unterhalten. Ich habe augenblicklich bemerkt, dass das wohl mein Selbstverteidigungssystem ist. Bedrohlichkeit oder Unannehmlichkeit von außen? Geschütze ausfahren! Zielen und feuern! Abgekommen hat das dann mein Partner. Zuerst wurde meine Selbstsicherheit durch die attraktiveren Besucher ins Wanken gebracht. Dann war es mir in der Umkleide zu warm. Körperliches Unbehagen trifft psychisches und ich konnte nicht aus der Situation raus, weil ich auf meinen Freund warten “musste”. Boom! Meine Gelassenheit war dahin. Atmen half nichts mehr. Ich hätte auch sofort eine Schachtel Zigaretten wegrauchen können. Aber es war gut, dass ich mit ihm im Auto Dampf abgelassen habe. Dabei kam raus, dass er das bei mir in den letzten Wochen beobachten konnte. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde ich wohl ihm gegenüber gemeiner. Anfangs läuft es rund, doch dann passiert irgendwas und ich werde fies. Das scheint mein Verteidigungssystem zu sein. Und das merkt nicht, dass mein Freund zu den Guten gehört. Ich werde dann ironisch, gemein und fast bösartig. Hallo, wenn das mal keine Entzugserscheinungen sind :) Normalerweise würde ich mich in den Situationen betäuben. Früher hätte ich in der Sauna dann den Rauchebereich aufgesucht und geraucht. Oder wäre ins Bistro gegangen und hätte ein Weizen getrunken. Egal ob alkoholfrei oder mit. Jedenfalls hätte ich diese Substanzen benutzt, um mich abzulenken und runter zukommen. Diese Maßnahmen fallen jetzt natürlich flach. Ok, ich hätte auch ein alk. freies Weizen trinken können... aber ich war ja schon tief im Kopfkino drin.. daher wäre das nicht mehr förderlich gewesen. Im Vorfeld hätte ich mich schon runterfahren müssen. Aber gut das zu beobachten. Und auch so zeitnah.

 

Wir beide waren froh, dass wir da so schnell drüber sprechen konnten. Sonst wäre der Tag auf jeden Fall für die Katz gewesen. Und wir haben gelacht :) in erster Linine weil die Scheiben vom Auto total beschlagen waren :) Das war echt ne heiße Diskussion :)

 

 

Es gilt also weiterhin zu üben. Üben, weiterhin durch diese verrückte Welt zu laufen und die ganzen Eindrücke, Ablenkungen und Situationen und Veränderungen die auf einen einprasseln zu regulieren. Möglichst nicht zu bewerten. Mich nicht dadurch abzuwerten und weiterhin zu mir stehen. Ohne zuvergessen was ich in der Reha gelernt habe. Wach bleiben. Achtsam sein. Auf mich Acht geben. Mich nicht betäuben. Erholung in anderen Dingen finden. Der Gelassenheit Möglichkeit geben sich zu entfalten. Und meinem Freund sagen was los ist :) Der arme bekommt zur Zeit alles ab. So tapfer. Aber, niemand hat gesagt, es würde einfach werden :) was natürlich keine Entschuldigung ist. Nichtsdestotrotz kann ich mich ja mal zusammenreißen und nicht immer so ruppig sein, wenn mir was nicht passt. Aber auch das muss ich lernen. Schließlich laufe ich ja “gerade erst” so nüchtern durch die Gegend. Die gut sieben Monate ohne Bier oder Gin und die fünf-sechs Wochen ohne Zigaretten sind ja voll neu. Sonst konnte ich in solchen Momenten vor die Tür und nochmal eine rauchen, wenn ich warten musste. Jetzt warte ich nur. Ohne Kippchen. Das muss ich lernen. Ich will auch nicht nur auf mein Handy glotzen... da brauche ich was neues. Nur atmen und denken oder positives denken. Oder immer ein Buch dabei haben... ich werde mal schauen was ich mache. Aber am wichtigsten ist, die anderen Leute nicht so krass über mich zu stellen. Als wären die was besseres. Weder die noch ich sind was besseres. Wir sind alle

 

gleichwertig. Und ich darf stolz auf mich sein. Ich hab schon viel geschafft. Und ich kann tolle Sachen. Und niemand quatscht hinter meinem Rücken schlecht von mir... oder? :))

 

 

Lass die Leute reden und lächle einfach mild

Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild

Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht Aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht

Lass die Leute reden, denn wie das immer ist:

Solang die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres

Und ein wenig Heuchelei kannst du dir durchaus leisten Bleib höflich und sag nichts - das ärgert sie am meisten

(Die Ärzte) 

 

 

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