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Heute mal die Ehrlichkeit

 

Mir ist aufgefallen, dass ich ehrlicher geworden bin. Aktuell: Mir wurde von meinem ehemaligen Arbeitgeber eine Gewinnbeteiligung überwiesen. Keine Ahnung warum. Also habe ich dort angerufen und nachgefragt. Die Summe bezieht sich auf 2016, zu der Zeit war ich da auch noch angestellt. Echt nett von denen, dass sie mir da noch was zu kommen lassen. Wie dem auch sei. Ich habe jetzt ein Schreiben an meinen Rentenversicherer geschickt. Schließlich erhalte ich ja Übergangsgeld während der Reha und ich hab keine Ahnung, ob ich das Geld behalten darf oder die Differenz zurück zahlen muss, da ich ja eigentlich arbeitslos bin. Schauen wir mal. Mit meinem Freund hab ich auch schon drüber gesprochen.

 

Der alte Mathias hätte jedoch sehr wahrscheinlich nichts gemacht. Beim alten Arbeitgeber hätte ich mich sicher

nicht gemeldet – schließlich haben die meinen Vertrag nicht verlängert. Sollte das ein Irrtum gewesen sein, müssen die schauen wie sie klar kommen. Ich hätte auch abgewartet, ob sich der Versicherer von selbst meldet. Meinen Freund hätte ich ggf. auch noch nichts gesagt, da es so ja erstmal den Anschein hätte, dass ich mit meinem Konto umgehen kann und das alles in Ordnung ist. Eventuell hätte ich mir heimlich teure Wanderschuhe bestellt und dann später erzählt, sie seien im Super-Sale gewesen und ein echtes Schnäppchen. Der alte Mathias hätte also ggf. unterschlagen, gelogen und verheimlicht.

 

Das ist mir erst später aufgefallen. Meine erste Reaktion war, das ich beim Arbeitgeber anfrage. Abends hab ich dann mit meinem Freund drüber gesprochen und er meinte auch, dass ich mich dort sicherheitshalber melden sollte. Dann habe ich die Mail an den Versicherer geschickt. Sollte sich das alles lösen, werde ich mich belohnen und mir neue Wanderschuhe zu legen ☺

Schon komisch wie man sich in nur wenigen Wochen verändert. Und dann auch noch so elementare Veränderungen. Ähnliches konnte ich im sozialen Umgang mit den Gruppenmitgliedern feststellen. Der alte Mathias hätte sich bestimmt mehr in die Freizeitgestaltung eingemischt. Mir hat es jetzt nicht soooo optimal gestern gefallen. Es wurde getrödelt, viel diskutiert und einfach zu viel geplant oder zu viele Optionen in den Raum geworfen. Der alte Mathias hätte das Ruder in die Hand genommen und trotzig seine Richtung vorgegeben. Oder, alternativ, nichts gemacht und sich geärgert.

Nun habe ich abgewogen. Hier und da habe ich Verbesserungsvorschläge angebracht. Hier und da auf eine andere Richtung hingewiesen. Und oft einfach nur machen lassen und mich treiben lassen. Ganz entspannt und ohne Druck. Weder Druck den ich gemacht habe oder Druck der mir gemacht wurde.

 

Apropos Druck: gestern kam eine Schulklasse oder AG auf das Gelände. Sie hatten wohl gerade das Thema Sucht- Prävention. Wie wir erfahren haben, waren die Schüler sogar freiwillig da – also keine Zwangsveranstaltung für die Schüler. Wir konnten uns auch freiwillig melden, ob wir den Schülern von unserer Biografie erzählen / unserer Trink- bzw. Sucht-Karriere. Regelrecht kontraphobisch (meine Bezugstherapeuten hat diesen Begriff wirklich bei mir geprägt ☺) habe ich mich gemeldet. An sich sind Schüler der 9. Klasse ein rotes Tuch für mich. Da rühren ja meine Minderwertigkeitskomplexe her. Aber ich war ich da. Ich habe vier Schüler bekommen und konnte mich vorstellen.

 

Das Ende vom Lied: ich bin sehr froh es gemacht zu haben, und ich kann mir vorstellen auch im nächsten und übernächsten Monat dort zu sein. Es hat mir persönlich viel gebracht und die Schüler waren gar nicht so schlimm wie ich dachte. Zusätzlich konnte ich ihnen (hoffentlich) vermitteln, dass Mobbing echt nicht gut ist und dass das auch ein Großteil meiner Ängste, meines geringen Selbstwertgefühls und, zu guter Letzt, die Alkoholabhängigkeit begünstigt hat. Vielleicht behalten sie das im Hinterkopf und hören auf zu mobben oder fangen es gar nicht erst an. Ich weiß zwar, dass ich selbst recht wenig aus meiner Schulzeit mitgenommen habe. Aber solche interaktiven Aktionen/Ausflüge schon. Ich bin sehr gespannt, ob es in irgendeiner Art und Weise ein Feedback geben wird.

 

Die Abschlussrunde mit den Schülern hat mich jedenfalls sehr beeindruckt

 

Donnerstag, 05. Oktober 2017

Ich komme noch mal auf die Frage „wer bin ich“ zurück. Anfangs habe ich mich das gefragt, um zu überlegen, ob alle Kleinigkeiten die mich umgeben mich ausmachen... aber das tun sie, wenn überhaupt, nur zu einem minimalen Teil. Es ist nicht die Anzahl der Karnevalskisten oder die Anzahl von Männern mit denen ich der selbigen war, die sagt wer ich bin.

 

Ich glaube langsam sagen zu können wer ich bin:

Ich bin Mathias. Ich bin ehrlich, ich kann einiges aushalten – aber nicht dass ich sagen würde „ich wäre stark“, aber ich kann was aushalten. Ich bin verantwortungsvoll, loyal. Ich stelle Fragen wenn ich Fragen habe oder unsicher bin, ich bin empathisch, kann auf Menschen zugehen und mit ihnen umgehen. Ich würde mich selbst nicht als intellektuell oder intelligent bezeichnen, bekomme es aber von anderen zu hören. Vielleicht bin ich zu bescheiden oder möchte nicht als egoistisch gehalten werden und habe andere Ziele – auf den Kopf gefallen bin ich aber nicht ;) Ich bin achtsam, zwar nicht immer aufmerksam aber nur, weil ich sehr fokussiert sein kann und das „große Ganze“ im Blick habe. Ich handle überlegt, habe aber auch den Mut zur

Spontanität. Ich kann unter Druck arbeiten, wenn ich weiß dass die Entspannung in Sicht ist. Lieber arbeite ich vor, um noch Luft zur Deadline haben. Das Wort „sensibel“ ist manchmal negativ behaftet, daher würde ich mich als feinfühlig beschreiben. Ich bin kreativ, verlasse mich auch gerne auf Erfahrungen und mache trotzdem gerne meine eigenen. Wenn mich etwas interessiert, sauge ich es auf wie ein Schwamm ☺

Ich mag es nicht, wenn es irgendwo ungerecht zugeht. Diese Fairness wünsche ich mir auch für mich. Ich lasse oft kein gutes Blatt an mir, dabei darf ich stolz auf mich sein und mir darf es gut gehen, das bin ich mir wert.

Und wie geht es jetzt weiter? Ich bin in der zehnten Woche der Langzeittherapie. Die letzte Woche war recht entspannt für mich. Ich konnte die Zeit nutzen, um das „erlernte“ in meinen Alltag zu integrieren. Konnte nachdenken. Und jetzt? Was beschäftigt mich jetzt? Habe ich noch Probleme? ☺ Irgendwie scheint es mir, als hätte ich zur Zeit keine Probleme.

Der Job bei SHALK ist sicher, für meinen Platz in der Nachsorge ist gesorgt, bei der Hörwiese wissen auch alle Bescheid, dass ich ab November nicht mehr regelmäßig komme, und einen Termin beim Arbeitsamt (um die Weiterbildung zu besprechen) habe ich auch.

Was ist also gerade mein Problem? Was beschäftigt mich? Darf ich noch weiter Therapie machen, auch wenn es gerade so scheint als liefe alles gut? Ich will doch mal hoffen! ☺

 

 

Heute Morgen kam mir in den Sinn: Ich mache gerade einen Neuanfang. Ich gehe einen völlig neuen Weg. Andere in der Gruppen wollen mehr oder weniger in ihr „altes Leben“ zurück. Aber ich will noch mal von neu starten: Therapie beenden, kein Alkohol, keine Zigaretten, Nebenjob in der Selbsthilfe, Weiterbildung zum Medienfachwirt, danach Umzug in eine andere Stadt, wohlmöglich Wuppertal, dort einen neuen Job anfangen. Hallo?! Das ist ein Neuanfang. Das beschäftigt mich! Daran arbeite ich gerade. Gut, es ist jetzt kein „Problem“ eher ein „Projekt“. Aber ein großes Projekt. Wahrscheinich mit dem Namen „neues Leben“. Also wenn das mal nichts ist, was einen beschäftigen kann ☺ Wie geht es mir dabei? Schwer zu sagen. Auf der einen Seite habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber Freunden. Auf der anderen Seite möchte ich wirklich etwas verändern. Und das geht nicht nur indem ich den Alk und die Kippen weg lasse. Deshalb bleibt Köln immer noch Köln. Die gleichen Straßen, die gleichen Geschäfte, Feste, Events, Touristen, Parks, der Rhein und so weiter... das bleibt alles gleich. Es würde sich nichts verändern. Mit einem neuen Job würde ich ggf. gerade genug verdienen, um alle Schulden, meine Miete samt Fixkosten und etwas Leben bezahlen zu können. Aber das wäre der gleiche Bullshit wie vorher. Wenn ich daran etwas ändern will, dann muss sich was ändern ☺ Neue Stadt, neue Eindrücke, neuer Alltag, neues Umfeld. Die Freunde dürfen die gleichen bleiben und ggf. neue dazu kommen. Aber sonst bitte einmal frisch, feucht durchwischen und lüften. Und in Köln habe ich schon zu lange verweilt. Immer die gleiche Schaafenstr, der gleiche CSD, die gleiche Frühjahrs- oder Herbstkirmes, der gleiche Karneval... nicht das ich das mit Freunden zusammen geschätzt habe und auch weiterhin schätze... aber für meinen Alltag brauche ich Köln nicht mehr. Ob ich es je gebraucht habe, stelle ich auch in Frage. Ich brauche was Neues. Was im Grünen, mit Natur... und nicht in Köln. Ich möchte nicht mehr durch die immer gleichen Straßen laufen, mit den alten Geschichten im Kopf und Erinnerungen an dieses und jenes. Ja, auch an Eskapaden mit Alkohol und One- Night-Stands.

 

Ich meine damit nicht, dass ich flüchten will. Aber es reicht langsam. Ich hab genug Köln gelebt und erlebt. Jetzt nutze ich noch die Vorzüge inkl. Weiterbildung mit kurzen Wegen etc. und dann packe ich meine sieben Sachen und schaue wo es mich hin verschlägt.

Ob Krefeld, Wuppertal, Hagen, Dortmund, Düsseldorf oder was anderes. Am liebsten natürlich näher an meinen Freund ran. Aber nicht zu nah ☺ Denn Ennepetal hat jetzt nicht die Welt zu bieten . Und da mein Schatz nicht unbedingt dort bis zum Lebensende wohnen muss, könnte eine von vielen Perspektiven sein, dass man sich in Zukunft irgendwo eine gemeinsame Wohnung sucht und zusammenzieht.

 

Aber noch nicht.

Das hat noch Zeit. 

 

 



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