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süchtiges Hirn

Ich fühle mich „dichter“

 

Heute in der Selbsthilfegruppe hat jemand etwas angesprochen, das ich sehr nachvollziehen konnte aber selbst für mich noch gar nicht so sehen oder für mich benennen konnte. Er sprach davon, dass er sich körperlich tiefer oder fester anfühlt. Dass er eine innere Festigkeit empfindet, die er früher nicht hatte. Nicht, dass er jetzt standfester geworden wäre oder so. Aber ein Gefühl körperlich tiefer zu sein.

das hat mich beeindruckt. Das fühle ich auch. Ich würde es bei mir eher als „dichter“ beschreiben. Als hätte man losen Schnee zu einem festeren Ball geformt. Ihn verdichtet. Natürlich ist da immer noch Platz und geht noch fester bzw. dichter. Aber das kann ich nachempfinden. Sei es beim Sport oder nur spazieren gehen. Ich fühle mich nicht mehr so losgelöst oder schwammig. Ich habe Struktur bekommen und fühle meinen Körper. Eventuell sogar tiefer als sonst. Oh Mann, was hat der Alkohol nur mit mir angestellt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Körpergefühl auch nur Ansätzen verloren hätte. Und jetzt ist es wieder da. Und ich glaube es geht noch besser. Ich habe wieder ein Gefühl für mich. Was ich mir zumuten kann. Wo ich mich schonen muss. Ich fühle mich stabiler.

Alles nur körperlich. Psychisch darf noch einiges passieren ☺ Hier finde ich zwar auch, dass ich gestärkter und etwas selbstverständlicher geworden bin. Aber hier ist noch Luft nach oben.

Den Begriff „selbstverständlicher“ warf meine Therapeutin in den Raum. Das Wort finde ich toll. Es ist noch nicht „selbstsicher“, aber auf dem Weg dahin. Dieses Gefühl hatte ich am Samstag, als ich eine Freundin zum Muddy Angel Run (ein Spendenlauf für/ gegen Brustkrebs glaube ich, zumindest durften nur Frauen antreten) begleitet habe. Während sie lief, war ich alleine in der Menschenmasse. Eigentlich eine schlechte Situation für mich mit Ängsten und Sorgen. Aber es war „selbstverständlicher“ für mich, dort zu sein. Ich musste es nicht mal wirklich „ertragen“ oder aushalten. Ich habe es an manchen Stellen sogar genossen.

 

 

 

süchtiges Hirn vs. Sucht nach Geborgenheit

 

Ich hoffe ich werde nicht für schizophren oder so gehalten. Das Thema hier werde ich auch mal bei nächster Gelegenheit in der Gruppe oder bei meiner Therapeutin ansprechen. Ich habe eine Theorie und vorab sei gesagt, dass ich mich durch diese, nicht von meiner persönlichen Sucht freisprechen will.

 

Folgendes:

Ich habe erkannt, dass sich mein süchtiges Verhalten durch Angst, Trauer, Wut und auch mal Freude äußert bzw. davon genährt wurde. Ich habe getrunken um mich zu entlasten, abzuschalten, zu entspannen, Wut oder Ärger zu mäßigen oder um auf freudige Ereignisse anzustoßen. Damit habe ich mein Hirn und mein Belohnungssystem tierisch vor die Wand gefahren.

Mit ist mittlerweile klar, dass ich süchtig nach Geborgenheit, Ruhe, Verständnis, Harmonie, Selbstvertrauen, Sicherheit, Entlastung und Liebe bin. In stressigen Situationen habe ich getrunken, um Ruhe zu spüren. In großen Gesellschaften habe ich getrunken, um selbstsicherer zu sein. Die Liste kann endlos weitergehen. Ich denke oder hoffe, nicht mehr unbedingt nach Alkohol süchtig zu sein. Wenn dann ja nur nach dem Gefühl, dass sich entwickelt, wenn ich getrunken habe. Natürlich ist mein selbstzerstörerisches Verhalten daran schuld, dass mein Belohnungszentrum die Informationen mit dem Alkohol jetzt gespeichert hat. Mein Hirn wird umgehend wieder anspringen, wenn es Alkohol bekommt. „Oh, hier kommt Entspannung. Geht ja viel schneller als Joggen oder Yoga oder über meine Probleme zu sprechen. Das will ich wieder haben.“ Und Schwupps, wäre ich wieder im alten Teufelskreis. Nur in wie weit darf oder kann ich diese Informationen im Gehirn als Persönlichkeit ansehen? In wie weit kann ich mein kaputtes Belohnungszentrum dazu zählen? Natürlich ist es mein Gehirn. Meine Synapsen. Mein Dopamin- und Serotoninhaushalt. Aber ist das meine Persönlichkeit? Ich weiß für mich, dass ich nach all den tollen Dingen süchtig bin (Selbstsicherheit etc.). Aber mein Hirn, bzw. der biochemische Prozess, kennt glaube ich nur die Botenstoffe. Ihm ist es egal wie sie entstehen. Hauptsache sie sind da. Das Hirn merkt welche Stoffe, wie schnell oder gut ankommen. Daher ist das mit den Alkohol ja auch so toll und einfach. Keine Anstrengung, volle Entspannung. Ein Ausgleich ist ja wichtig (Körper & Geist in Einklang bringen). Ich selbst weiß aber, dass diese Art der Entspannung, in Wirklichkeit keine ist. Dem Gehirn ist es egal. In wie weit darf ich mich also von dem biochemischen Problem entfernen ohne meine Sucht zu verleugnen oder nicht gleich als schizophren

abgestempelt zu werden? ☺

 

Ich werde also immer noch sagen, dass ich alkoholsüchtig bin. Aber ich meine eher mein Gehirn. Es hat die Informationen gespeichert, dass Alkohol toll war. Daher darf es keinen mehr bekommen. Aber ich persönlich sehne mich nach Geborgenheit und Sicherheit. Nicht nach Alkohol.

 

Das lasse ich erst mal so stehen und schaue was mit dem Gedanken passiert. 

 

 

 

Who do you think you are?
Who do you think you are?
I’m telling the truth now
We’re all born naked and the rest is drag
Who
Who do you think you are? Who do you think you are? I’m telling the truth now
We’re all born naked and the rest is drag

(RuPaul - Born Naked) 

 



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