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Angriff und Verteidigung

Beim Heimweg am Mittwoch hat mich das Thema „Gefühle, Körper & Geist und wie sie mit einander gekoppelt sind“ beschäftigt. Ich behaupte einfach mal, dass unsere heutige Gesellschaft nicht dafür gemacht ist, Gefühlen freien Lauf zu lassen bzw. das wir nicht die Möglichkeit haben, den Ausgleich der Gefühle über körperliche Aktivität zeitnah zu schaffen.

Dazu gehe ich mal in der menschlichen Entwicklung ein paar Jahre zurück. Bevor der Mensch, oder das was man schon Mensch nennen konnte, seine Sprache entwickelt hat, gab es meiner Ansicht nur Aktionen und Reaktionen. Es gab Stressoren z.B. ein Mitglied im Rudel das die Führung übernehmen will oder einen externen Angreifer. Die möglichen Reaktionen darauf wären nur Flucht vor dem Individuum oder Angriff bzw. Verteidigung.

Das Gefühl von Angst & Sorge um das Rudel, Kinder oder das eigene Leben, transformierte sich direkt körperlich in ein Flucht- oder Schutzverschalten bzw. in einen Angriffs- / Verteidigungs-modus. Der Körper greift also nahezu umgehend die Gefühlswelt auf und sorgt für Entlastung der geistigen Unruhe und der Stressoren. In der Tierwelt ist es immer noch so. Wenn man einen Hund bedroht geht er entweder in Deckung oder fletscht die Zähne... wenn er nicht direkt zubeißt.

  

Heutzutage können oder „brauchen“ wir nicht mehr flüchten oder angreifen. Der Ausgleich erfolgt erst einmal verbal. Werden wir in einem Meeting vom Chef zusammengestaucht, sagen wir ggf. gar nichts. Fressen

es in uns rein und nehmen es mit nach Hause. Eventuell sprechen wir in der Pause mit einem Kollegen darüber und machen uns etwas Luft. Aber die Anspannung bleibt im Körper sowie im Geist.

Der Ausgleich kann hier, im besten Fall, durch körperliche Aktivität erfolgen, für die meisten als „Sport“ bekannt ☺

Man läuft, joggt, geht ins Fitnessstudio, spielt Fußball, macht einen Kampfsport oder Yoga. Der Läufer läuft im wahrsten Sinne weg > er flüchtet. Beim Fußball, Kraft- oder Kampfsport wird angegriffen. Und nach jeder dieser körperlichen Betätigungen fühlt man sich in der Regel besser. Körper und Geist sind wieder im Einklang. Ein Ausgleich ist erfolgt. hat man diesen Ausgleich nicht, besteht das Risiko von psychischen Störungen, Auffälligkeiten oder zumindest Belastungen. Und natürlich das Risiko, dass sich ein Suchtverhalten entwickelt, um diese Belastungen zu betäuben, abzuschalten, auszublenden etc. man Sicht einen Therapeuten auf oder frisst die Probleme in sich hinein. Eventuell sind wir Menschen mittlerweile zu clever geworden und denken, dass wir die körperliche Aktivität nicht brauchen, um geistig gesund zu bleiben. Joggen und Gewichte stemmen – das machen doch nur diese Fitness-Fanatiker und Leute mit Schönheitswahn. Aber was macht einen Menschen schön? Die Größe der Muskeln oder die charakterliche Größe die wir bewundern? Die Disziplin die uns beeindruckt und manchmal überwältigt, so dass wir glauben, niemals so fit und toll sein zu können.

Vielleicht war unsere Evolution nicht nur vom Vorteil.

 

Körper und Geist sind voneinander getrennt worden. Der Geist steht über dem Körper und wir hören nicht mehr auf unseren Körper. Und das müssen wir! Wir sind nicht mehr von unseren Instinkten gesteuert und machen „automatisch“ was uns gut tut bzw. psychische Entlastung verschafft. Wir versuchen unsere Gefühle zu unterdrücken. Wir wollen manche gar nicht wahr haben.

Das kenne ich von mir. Ich habe immer versucht mich anzupassen und mir meine Gefühle nicht zu erlauben. Noch nicht mal Stolz auf mich zu verspüren. Ich habe immer in Büros gearbeitet. Hier gab es nie die Möglichkeit mich um meine Gefühle oder mein Befinden zu kümmern. Immer nur funktionieren und nicht aus der Reihe tanzen.

Sport habe ich meist vor der Arbeit gemacht. Aber da hatte ich noch gar keinen Stress der abgebaut werden musste. Abends bin ich dann gelaufen. Aber auch wirklich „davon gelaufen“, geflüchtet. Natürlich hat das dann geholfen. Aber vorher habe ich locker 5-7 Stunden die blöden Gefühle mit mir rumgetragen.

Wenn man sich eine Schimpansen-Gruppe im Zoo anschaut, dann passiert oft ziemlich viel. Sie werden kurz laut, jagen sich durchs Gehege und dann ist wieder gut. Es gab einen Stressor, der wurde behandelt und fertig. Wenn ich über meine alten Probleme nachdenke, dann vergehen da eher Tage oder Wochen wenn nicht Monate statt Minuten. Und das haben wir glaube ich bei der Entwicklung vom Affen zum Menschen verlernt. Das müssen wir wieder lernen. Auf sich hören. Reaktionen erlauben. Körper und Geist möglichst zeitnah wieder in Einklang bringen, statt sich zu schädigen. Wir dürfen die psychischen Belastungen, Sorgen oder Unstimmigkeiten nicht unterschätzen oder unter den Teppich kehren. Ich darf meine Gefühle nicht unterdrücken. Sie sind wichtig. Und genau so wichtig ist es, dass ich sie über meinen Körper verarbeite.

 

Gestern Abend bin ich lange spazieren gewesen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich weg laufe oder mich von etwas entferne. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf etwas zu laufe. Auch dass der Weg selbst wichtig war

(allein schon zur körperlichen Ertüchtigung ;)

 

Und dieses Gefühl war toll.

Sorgen und Nöte waren da, klar.

Aber sie blieben keine Belastung.

 

Ich hab mich ausgeglichen gefühlt.

 

 

 



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