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Der kleine Süchtige

Die letzten Tage waren der absolute Hammer. Am Montag dachte ich noch: Ok, acht Wochen Therapie sind um. Knapp acht Wochen stehen mir noch bevor. Was soll noch passieren? Es hat sich schon soooo viel getan in mir. Geht da noch was?

Am Dienstag ging dann noch was. Unser Therapeut hat mit uns, statt eines Body-Scans, einen Soul-Scan gemacht. Eine schöne Geschichte die wir uns vorstellen sollten.

 

Der kleine Süchtige

Es ging los: Natürlich sollten wir wie immer erst zur Ruhe kommen und auf unsere Atmunf achten. Runter kommen und uns nicht an Umgebungsgeräuschen stören. Ich glaube wir kamen in einen Wald oder aus einen Wald auf eine Lichtung. Hier steht unser Traumhaus. Wir gehen rein und im Wohnzimmer steht ein Tisch. Festlich gedeckt. Ich erwarte wohl Gäste. Und schon geht es los. Zuerst kommt mein innerer Angsthase herein. Natürlich stelle ich mir hier sofort ein kleines Kaninchen vor, dass sich mit riesen Augen ängstlich unterm Tisch verkriecht. Ich heiße es willkommen und setze es auf einen Stuhl. Der nächste Gast ist mein innerer Trauerkloß. Der schlappt ganz bedröppelt rein und nimmt auch Platz. Dann kracht mein innerer Kampfhund ins Haus. Laut bellend springt er auf den Tisch und bedroht die beiden Gäste. Automatisch bin ich dabei ihn vom Tisch zu zerren und aus dem Haus zu werfen. Doch der Therapeut mein, dass ich ihn auch begrüße und an seinen Platz bringe... ok? dann machen wir mal weiter. Meine Vorstellungen ändern sich hier gerade wie im Science Fiction Drehbuch... meine Gedanken sind schneller als der Therapeut... also abwarten. Als nächstes kommt mein innerer Sonnenschein rein. Oh toll. Jetzt strahlt und lächelt alles. Ich heiße ihn willkommen und zeige ihm seinen Platz. So, denk ich mir. Dann sind ja alle da. Nein, der Therapeut holt erneut Luft und bringt uns noch einen Gast. Mein innerer Süchtiger schlurft rein. Hier geht mein Kopfkino natürlich direkt wieder los. Ok, den werfe ich aber raus? Den stell ich vor die Tür! Der hat hier doch nix verloren?! Anscheinend schon. Auch ihn soll ich willkommen heißen und an die Tafel bitten. Was geht hier ab bitte?

Soll ich mich nicht von meiner Sucht entfernen? Komisch. Naja, jedenfalls sind jetzt alle Gäste da. Tisch gebet wird gesprochen. Ich wünsche jedem Gast und jeder Gast mir: Möget ihr frei sein von Gefahr. Möget ihr glücklich sein. Möget ihr körperlich gesund sein. Möget ihr leicht durchs Leben gehen. (jedes mal ist das Gebet anders... aber ich glaube so könnte es gewesen sein) Alternativ kenne ich auch noch: “Möge ich sicher sein. Möge ich in Frieden sein.

Möge ich freundlich zu mir selbst sein. Möge ich mich selbst so annehmen, wie ich bin.”

So, dann gehen alle Gäste wieder. Ich auch. Und wir kommen aus der Übung wieder gedanklich zurück nach Köln in die Reha... schon schön. Aber schon merkwürdig. Was soll das kleine süchtige Kerlchen da? Ich kann mit jedem der Gäste was anfangen. Nur wusste ich nicht, was „mein“ oder „der“ kleine Süchtige am Tisch zu suchen hat. Sollte er nicht lieber wieder gehen? Er ist doch nicht willkommen!

  

 

Das Thema hat mich über den weiteren Verlauf des Abends beschäftigt. Irgendwann hatte ich für mich persönlich eine Lösung. Der Süchtige hat alleine keine besonders große Kraft. Er muss sich die Angst, die Trauer, die Freude oder die Wut schnappen, und mit einem oder mehreren Gefühlen zusammen Mist bauen. Aus Angst oder Sorge sich betäuben, sich in Trauer oder Selbstmitleid suhlen, aus Ärger oder Wut anfangen zu trinken oder wegen eines freudigen Anlasses auf etwas anstoßen. Später ist keines der Gefühle mehr so stark und der Süchtige steht alleine da. Missverstanden. Er braucht jemanden der auf ihn aufpasst. Er kann sich

nicht um die Angst kümmern. Aber die Angst kann sich um den Süchtigen kümmern. Alle Gefühle sind Teil von mir. Auch das süchtige Gefühl. Das kleine einsame Männchen möchte nur in den Arm genommen werden. Sich geborgen fühlen. ICH möchte mich doch nur geborgen, verstanden, akzeptiert und geliebt werden. Einfach nur in den Arm genommen werden. dann ist alles gut. Und das muss ich mit dem kleinen Männlein im Regenmantel machen. Ihn aus dem Regen holen, ihm Geborgenheit schenken

 

 

Life is a mystery,

everyone must stand alone

I hear you call my name

And it feels like

home

When you call my name

it’s like a little prayer

I’m down on my knees,

I wanna take you there

In the midnight hour

I can feel your power

Just like a prayer

you know I’ll take you there

(Madonna)

 

 

 

 



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