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GARS

Während der Arbeitstherapie:

 

Wow, so lange habe ich schon nichts mehr geschrieben. Seit dem 31. Juli bin ich in der ganztägig ambulanten Rehabilitation Sucht (kurz GARS) bei den Alexianern in Ensen. Ich befinde mich jetzt in der dritten Woche. Ich fühle mich gut angekommen und von der Gruppe akzeptiert. Anfangs hatte ich ein paar Bedenken wegen meiner Vorstellung: Mathias, 30, schwul, HIV positiv, Alkoholsucht, depressiv, seit Mitte April trocken, aktuell kein Suchtdruck und ich möchte mit dem Rauchen aufhören.

Aber, was ja an sich auf der Hand liegt: alle haben das gleiche Problem. Jeder hat irgendwas mit Alkohol am Hütchen ☺ Einer nur mit Cannabis, aber scheint wohl ähnlich. Und tatsächlich jeder raucht. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit, hier nicht zu rauchen. In der ersten Woche rauchte mir förmlich der Kopf. Die Tage fangen hier um kurz nach acht an. In der Regel geht es dann bis halb fünf. Mittwochs uns Freitags ist etwas früher Feierabend. Und in der ganzen Zeit wird therapiert: Psychotherapie, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Ergotherapie, Musik- und Bewegungstherapie, Sport, Arbeitstherapie, Rückfallprävention und die Pausen. In den Pausen passiert zwangsläufig auch Therapie. Unter den Patienten. Ich habe mich gut eingelebt und die Therapeuten scheinen echt kompetent.

 

Vorgestern ist bei mir sogar ein Knoten geplatzt. Es ging um eine Art Einsicht und Achtsamkeit. Das Thema ist bei gerade sehr groß geschrieben. Dazu aber später mehr.

 

 

Wir sollten schauen, wie wir in welchen Situationen, wie reagieren. Wie das aussieht. Das sollten wir dann analysieren und in Erfahrung bringen was dahinter steckt. Und in diese Erkenntnis sollten wir noch tiefer eintauchen. Das ist gerade schwer zu beschreiben, aber am Ende saß ich mit Tränen in den Augen da. Ich gelangte zu einem Leitspruch, einem Motto, oder Mantra oder der Erkenntnis oder dem Eingeständnis: ich bin es wert, dass es mir gut geht. Mir darf es gut gehen. Ich muss mich um mich sorgen. Ich bin es wert. Da kamen alle möglichen Emotionen aus allen vergangenen Situationen zusammen. Alles mögliche kam mir ins Gedächtnis. Und zu allem konnte ich im Endeffekt sagen: „Mir darf es gut gehen. Ich bin es wert.“ Das fühlte sich schrecklich an. Schrecklich in dem Sinne, dass es mir damals echt schrecklich ging. Aber es war auch sehr erleichternd, dass diese Emotionen raus konnten. Eine Mitpatientin hat dafür ein schönes Beispiel. Stell dir Bälle in einem Pool vor, die du versuchst unter Wasser zu halten. Das sind die Emotionen. Du strengst dich tierisch an, diese Emotionen unter Wasser zu halten, unter der Oberfläche zu halten, damit sie nicht raus schießen oder an der Oberfläche schwimmen. Und hier werde ich die Möglichkeit haben, mich nicht anstrengen zu brauchen, die Bälle zu halten, hier dürfen die Bälle schwimmen. Und vorgestern war so ein Moment in dem ein Ball oder mehrere aus dem Wasser schossen. Ich habe mich zwar gezügelt und den Ball wieder in die Hand genommen. Aber ich habe ihn nicht mit Gewalt untergetaucht. In den folgenden Wochen werde ich mich sicher intensiver damit beschäftigen, die Bälle nicht mehr zu bekämpfen, sondern sie hervorkommen zu lassen und anzuschauen.

Dazu werden meine Bezugs-Therapeutin und ich in der Vergangenheit suchen, wo diese Emotionen her kommen. Je nach dem was da erscheint, entscheiden wir dann ob die Sachen verpacken und wegschließen oder auspacken, annehmen, bearbeiten und ggf. bewältigen.

Jedenfalls habe ich gerade wirklich viel mit zu tun. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich noch bis Mitte November hier sein werde ☺ Aber nach den ersten drei Wochen geht es mir schon bedeutend besser als vorher. Daher gehe ich stark davon aus, dass nach den nächsten drei Wochen sich sicher noch weiteres entwickeln wird. Eventuell finde ich in der Zwischenzeit noch Geduld und Energie, meine Erfahrungen und Emotionen zu notieren. Ich zwinge mich noch nicht dazu. Bisher habe ich kein Verlangen Alkohol zu trinken und seit über einer Woche steht eine Flasche alkoholfreies Bier bei mir im Kühlschrank.

Ich könnte es trinken aber mir ist nicht nach dem Geschmack. Oder den Kalorien ☺

In der letzten Zeit habe ich mich sehr mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigt. Buchempfehlungen finden sich im Anhang. Darüber bin ich mir auch sicher geworden, dass ich das Kantinenessen in der Reha meiden werde. Es ist nicht schlecht, keine Frage, aber es passt aktuell nicht zu meiner Auffassung von gesunder Ernährung. Ich plündere ordentlich das Salat-Buffet, zumindest das was nicht mir irgendeinem Öl oder Zucker oder sonst was gewürzt, angebraten bzw. versaut wurde ☺

 

Ab und zu tun mir manche Gemüse leid, die ich auf den Tellern der Kollegen sehe. Regelrecht tot-gekochter Broccoli der nichts mehr an grüner Frische hat, eher gräulich und schlaff. Daher bediene ich mich nur an unbehandeltem Salat, Tomaten, Paprika, Gurken, mal etwas Mais oder Kitney-Bohnen und, wenn was übrig war, selbst gemachtes vom Vortag aus der Tupperdose. So kann der Salat immer wieder mit Hühnchen, gekochtem Ei oder tollem Gemüse ergänzt werden. Abends koche ich dann normal wie sonst auch. Nur muss ich es irgendwie schaffen die Tüte Chips zu eliminieren ☺ Bisher ist sie noch ein steter Begleiter. Aber das wird sicher noch. Vorrangig geht es erst mal um meine Psyche. Dann kommt die Reduktion der Zigaretten am Tag (zur Zeit bin ich bei 12-17 Stück). Und dann können wir mal schauen wann ich die Chips weg lasse ☺

Um bei der Achtsamkeit zu bleiben, bewege ich mich auch wieder mehr. Zu der einen Sport-Einheit und der Tanz-/Bewegungs-Therapie, gehe ich morgens zur Klinik knapp 20-30 min. zu fuß bevor ich mich in die Bahn setze. Dann steige ich eine Haltestelle vorher aus und gehe noch mal 15 Minuten. Am Ende des Tages gehe ich mindestens die 20 min vom Morgen noch mal. So habe ich schon eine Stunde strammes gehen pro Tag. Und dabei bleibt es selten. Dienstags geht es zur Hörwiese und mittwochs zur Selbsthilfe. Hier gehe ich auch jeweils 30-45 min. hin und zurück. Für den Montag habe ich mir bei gutem Wetter vorgenommen den Heimweg komplett zu gehen, hier komme ich auf knapp 8-9km, also zwei Stunden Fußweg (zzgl. der Minuten am Morgen). Heute nach Feierabend besuche ich einen Freund. Davor oder danach werde ich auch

einen Teil der Strecke zu fuß gehen... sicher 30 min oder eine Stunde. Morgen je nach Wetter wollte ich mit dem Fahrrad zur Klinik. Das wären 30-45 min. Radfahren. Ins Fitnessstudio habe ich es bisher nicht geschafft. Die Energie hätte ich bestimmt, doch der Schweinehund stört. Aber ich denke spätestens wenn das Wetter wieder schlechter wird, wird mich diese Tatsache ins Studio treiben, da dann die Fußwege wegfallen. Also Daumen drücken.

Dass ich hier sitze und schreiben kann, finde ich super. In den letzten beiden Wochen, habe ich mich um Texte für SHALK NRW (für Näheres siehe Anhang) gekümmert. Einmal ein Interview mit einem Gruppen-Mitglied und einmal ein Antrag für eine Projektbewilligung. Da alles mit dem Thema „Sucht“ zu tun hat, darf ich mich hier darum kümmern. Also auch um mein Buch ☺ In den letzten 20 Tagen bin ich sonst nicht dazu gekommen oder hatte nicht die Lust meine letzten Kräfte von Tag zu mobilisieren. Wenn man sich den Wochenplan der Reha anschaut, glaubt man gar nicht, wie anstrengend es sein kann, sich nur mit sich zu beschäftigen. Ich schlafe auch seit Beginn wie ein Stein. Gegen 21:30h fallen mir förmlich die Augen zu und ich schlafe bis 5h morgens durch. Ich wollte so früh aufstehen, um noch zum Sport gehen zu können (was ich ja zurzeit nicht mache). Aber auch so kann die Zeit genutzt werden, um achtsam in den Tag zu starten. Statt Kaffee bin ich seit dieser Woche auf Tee umgestiegen. Dieser soll den Suchtdruck nach Zigaretten nicht so krass fördern wie Kaffee. Laut der Suchtfibel kann Kaffee das Verlangen nach Nikotin um das 250-fache steigern, wenn man dabei ist aufzuhören.

 

Bei Tee fällt es wohl nicht so schwer ins Gewicht... zumal ich das Teetrinken eh nicht gewöhnt bin, ist es eh was Neues für mich und triggert mich nicht. Und seit die Reha läuft, bin ich morgens viel motivierter und energiegeladener. Alles was gestern war habe ich im Schlaf gut sortieren können und bin bereit für mehr. Klar, manche Einheiten könnte man ggf. auch knicken, z.B. die kreative Ergotherapie. Aber ich weiß wozu sie gedacht ist. Daher akzeptiere ich sie und nutze sie um abzuschalten oder über meine Themen nachzudenken. Ähnliches gilt für die Musiktherapie. Aber auch hier kann man gut entspannen. Und das hat mir ja eben gefehlt im Alltag. Die Möglichkeit oder die Fähigkeit zu entspannen. Immer etwas machen müssen. Immer das Gefühl haben nicht genug gemacht zu haben oder noch eine Bewerbung schreiben zu müssen, noch mehr Stellen suchen, noch mehr suchen was ich noch machen könnte. Müsste, sollte... schrecklich. Ich bin so froh, dass ich gerade dabei bin, das „Machen“ und das „Sollen/ Müssen“ zur Seite zu schieben. Die ganzen schlechten Erinnerungen und das Bedauern um die Vergangenheit zzgl. zu den Sorgen und Befürchtungen um die Zukunft. So eine Zeit- und Energieverschwendung. Ich versuche gerade im Hier und Jetzt zu sein. Die Momente zu genießen, die mir geboten werden. Jetzt nicht falsch verstehen, natürlich habe ich in den vergangenen Wochen nach Job- und Weiterbildungsmöglichkeiten geschaut. Aber das hat sich jetzt erledigt. Den Platz bei der Weiterbildung habe ich, die Zulassung der IHK auch. Jetzt brauche ich nur noch den Bafög-Antrag stellen. Aber erst im September oder Oktober. Die Aushilfsstelle bei SHALK scheint auch in trockenen Tüchern zu sein...

zumindest sind sie nur noch leicht feucht ☺ Daher brauche ich mir aktuell keine Sorgen um die nächsten Wochen zu machen... oder Monate. Bis Februar 2019 liegt mein Weg eigentlich klar vor mir. Reha bis Mitte November, dann bis Februar 2018 auf 450 Euro-Basis bei SHALK aushelfen. Dann die Weiterbildung für ein Jahr. Und in der Zwischenzeit kann ich ggf. mehr bei SHALK einsteigen. Sozusagen als Nebenjob, teilweise von zuhause aus. Was will ich mehr? Läuft doch gerade alles. Also brauche ich mir gerade keine Sorgen um die Zukunft zu machen, sondern darf mich voll und ganz auf mich konzentrieren. Und das möchte ich ja auch hier. Und ich sollte kein schlechtes Gewissen haben, dass ich den Haushalt gerade etwas vernachlässige... es bekommt ja keiner mit ☺ sobald mein Freund am Wochenende kommt, sauge und wische ich durch und alles ist astrein ☺ Von Montag bis Donnerstag ist dann wieder relaxen angesagt ☺ Auch das kann Achtsamkeit sein. Nicht alles heute machen müssen, sondern schauen was mir gerade gut tut. Natürlich darf das alles in annehmbaren Rahmen bleiben – ich vergammle ja nicht. Ich sehe es nur gerade nicht für nötig an z.B. den Innenhof zu fegen. Morgen soll es eh wieder regnen. Da wird schon wieder einiges weggespült aber auch dazu geweht.

  

 

Um noch mal zur Ernährung zurück zu kommen:

Das mit dem vegetarisch Essen... das hat nicht ganz so gut geklappt. Immer kamen Feste und Grillabende dazwischen ☺ Aber ich bin wieder dabei mich zu fangen. Was mich auch sehr unterstützt hat war „eat, move, sleep“ aber auch „achtsam essen – achtsam leben“ (siehe Buchtipps im Anhang). Wenn man die Autoren nicht zu ernst nimmt, kann man für sich sehr gute Wege erkennen, sich gesünder zu ernähren. Beispielsweise gezuckerte Getränke oder verarbeitete Wurst- und Fleischwaren. Das Cola aus Zucker besteht brauche ich sicher niemandem sagen. Aber das in Wurst Zucker ist und viel zu viel Salz verwendet wird ist den meisten nicht bekannt. Na, wie wird die Wurst wohl so schmackhaft und haltbar gemacht? Mit Fett, Salz und Zucker. Wenn hinten auf der Verpackung etwas von „Gewürzen“ steht oder/und Dinge die Endung „–ose“ haben, dann liebe Leute ist Zucker drin. Und wenn wir dann mal überlegen, dass wir sie ggf. frühstücken, als Zwischenmalzeit auf einem Brötchen genießen, und auf jeden Fall zum Abendbrot, dann haben wir schon Massen an Zucker zu uns genommen. Ganz abgesehen von der Butter oder Margarine mit der wir die zu belegende Backware unserer Wahl bestreichen ;) Das gleiche gilt für Würstchen und nahezu jedes vormarinierte oder eingelegte Fleisch aus der Kühltheke. Daher habe ich für mich beschlossen: wenn Fleisch, dann max. einmal die Woche und einmal am Wochenende. Dann aber auch gutes Fleisch, nicht in irgendeiner Art verarbeitet oder gewürzt. Am besten Fisch... aber da hab ich nicht immer Appetit drauf. Dann ggf. Geflügel oder Meeresfrüchte... Ansonsten voll ins Gemüse greifen. Früchte eher als Nachtisch... denn auch Fruktose ist am Ende Zucker. Gleiches auch bei raffinierten und weiterverarbeiteten Getreideprodukten. Nach Möglichkeit vermeiden und zu besseren Kohlehydraten greifen. Also auf Nudeln, Brot und weißen Reis verzichten.

Obwohl das Wort „Verzicht“ nicht förderlich ist. Man sollte sich eher vergegenwärtigen, dass man sich

mit solchen „Lebensmitteln“ nichts Gutes tut. Daher verzichtet man nicht auf sie, man vermeidet sie eher.

 

Oder man schützt sich davor. 

 



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