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Noch zwei Wochen bis zur Reha

Es ist soweit! Die Bewilligung ist da.

 

Einen Starttermin habe ich sofort mit der Klinik ausgemacht. Der 31.01.2017, 7:15 Uhr stehe ich auf der Matte. Bis dahin sind es noch gut zwei Wochen. Die Zeit soll genutzt werden.

Nach allen Gängen zur Krankenkasse, Arbeitsamt und schlussendlich zum Briefkasten bin ich voller Vorfreude ☺ Endlich hat das Warten ein Ende.

 

Ich weiß jetzt wie es weitergeht. Für die nächsten Wochen. Insgesamt wurden mir 15 Wochen bewilligt.

Eine lange Zeit. Laut Kalender wäre mein letzter Tag der 10.11. ... haha, der erste Tag ohne Therapie wäre also der 11.11 in Köln ☺ großartig.

Da weiß ich ja schon im Vorraus, dass ich nicht das Wochenende in Köln sein möchte. Auch wenn ich ggf. gestärkt aus der Therapie komme, möchte ich den 11.11 nicht nüchtern mit machen. Also gar nicht. Aber bis dahin ist ja noch was hin. Erst einmal wende ich mich wieder der Suchtfibel zu. Das Buch ist der Hammer. Ich kann es nur empfehlen. 

 

Einen Gedanken finde ich noch sehr interessant finde:

Ich weiß, ich sollte nicht trinken wenn es mir schlecht geht. Ebenso muss ich nicht trinken wenn es mir gut geht. Man kann auch feiern ohne besoffen zu sein. Und, es könnten dann andere Gedanken vorpreschen und auf einmal geht es einem nicht mehr so gut, weil man etwas verdrängt hat. Mal ganz von den gesundheitlichen Gefahren (Hirn, Magen, Darm, Leber etc.) abgesehen... Also, kein Alkohol wenn’s gut läuft und kein Alkohol wenn’s schlecht läuft. Es darf also keinen Grund geben zu trinken. Aber wenn es keinen Grund oder „Sinn“ gibt zu trinken, dann brauche ich auch nicht zu trinken ☺ Oder wo läge der Sinn ein Nervengift zu trinken und sich auf vielen verschiedenen Ebenen zu betäuben? Wer auf Alkohol wirklich jederzeit verzichten kann und will, hätte daher kein Alkohol-Problem. Also denk mal drüber nach. Wenn du ehrlich jederzeit nicht auf Alkohol verzichten kannst oder willst, dann könntest du ein Problem haben.

 

Aufgaben aus der Suchtfibel 

Ich unterziehe mich einer gründlichen Inventur, freiwillig. Kurzum, einer Suchtherapie. Folgende 15 Punkte soll mein sogenanntes persönliches Manifest umfassen. Oh Mann, 15?! Geht das nicht kürzer? Muss ich mich jetzt damit beschäftigen?

 

Naja... ich kann warten, bis ich in der Therapie bin. Oder ich fange schon mal an, kann mir ja keiner verbieten. Was du heute kannst besorgen... Dann fange ich mal an mir meine Notizen zu machen. Bin gespannt was meine zukünftigen Therapeuten dazu sagen werden. Vielleicht drucke ich die Seiten mal für sie aus. Als Gute-Nacht-Lektüre ☺ und um sich ein Bild von mir machen zu können. Oder besser nicht?

 

Nicht dass sie mich dann nicht mehr therapieren, weil sie meinen ich hätte keine Probleme mehr mit der Sucht... mmmh... habe ich noch Probleme mit der Sucht?

 

Also auf jeden Fall glaube ich das. Zumindest wenn ich in beschi**ene Situationen komme. Ist zwar grad nicht der Fall.

Aber könnte bald wieder passieren. Die ungewisse Zukunft (arbeitslos, 450-Job, Weiterbildung, Teilzeitjob, Nebenjob???) ist schon nicht unkritisch...

 

 

 

  

Also, dann mal ran an hier:

 

1) Sucht ist Freiheitsberaubung. Notiere in deinem Manifest Erlebnisse, Gefühle und Ereignisse an denen du einen Freiheitsverlust gespürt hast.

 

Puh, das ist schwer. Das erste was mir einfällt, wäre Autofahren ☺ Aber um es ernst zu nehmen: ich würde sagen, mir fehlte es dann an Realitätsbezug. Ich habe mir Sorgen gemacht, war wütend oder traurig... dann

habe ich getrunken. Oder umgekehrt? Jedenfalls waren meine Gedanken und Lösungsansätze dann nicht immer zielführend. Zu radikal oder einfach schräg. Oder ich habe mich in Wunschdenken verkrochen und versucht nicht mehr drüber nach zudenken, habe verdrängt und das Problem nicht beseitigt. Also eher der Verlust an klaren Gedanken, reellen Zielsetzungen und Problembewältigung.

 

 

2) Betrachte dich nicht als Opfer. Zeige deine Dankbarkeit, einigermaßen heil davon gekommen zu sein und Suchtfrei zu sein, indem du täglich...

Naja, fürs erste werde ich jeden Tag zur Therapie gehen.

Mich sportlich betätigen, mich einigermaßen gesund ernähren und mir Aufmerksamkeit schenken.

Mich betrachten, innerlich wie äußerlich und schauen, ob ich mir etwas gutes tun kann, schon mache oder sollte.

 

 

3) Welche Organisationen und Personen werden mich unterstützen? Welche tun es schon und wem ich möchte meine Dankbarkeit aussprechen? Wen möchte ich darum bitten? Wer könnte meinen Willen schwächen, mich neidisch machen oder meine Stabilität unterwandern.

Ich pflege den Kontakt zu...

Die Alexianer während der Therapie, später die Nachsorge.

Ebenso mein Partner und die Selbsthilfegruppe.

Meine Eltern und Freunde.

Bisher habe ich jedem gedankt. Wen ich noch bitten wollen würde...? Ich glaube ich habe schon ne ganze Menge an Rettungsringen ☺ Wer könnte mir gefährlich werden? Mmmmh... unbekannte in Lokalitäten die trinken und mich überreden wollen, werden keine Chance haben ☺ Im Freundeskreis würde ich niemandem zumuten meine Stabilität unterwandern zu wollen. Neidisch bin ich bisher nicht... das kann ich mir nicht vorstellen. Zumindest nicht im Bezug auf Alkohol. Ich glaube da bin ich aktuell recht sicher.

 

 

4) Welche Möglichkeiten der freiwilligen, ehrenamtlichen oder professionellen Suchthilfe möchte ich für mich nutzen?

 

Wie gesagt, die Selbsthilfegruppe besuche ich bereits. Die 15-wöchige Langzeittherapie steht in zwei Wochen an, Nachsorge ist auf jeden Fall geplant. Und nach der Therapie habe ich vor beim Verband der Selbsthilfegruppe zu arbeiten. Erst als Minijob, dann hoffentlich während meiner Weiterbildung in Teilzeit und wer weiß, vielleicht danach in Vollzeit. Ansonsten lese ich schon sehr viel zu Thema und für jegliche Teilbereiche wie Meditation, Entspannung, Sport, Ernährung etc. werde ich weiterhin beleuchten. Das Schreiben tut mir auch sehr gut. Vielleicht wird das noch etwas professioneller betrieben ☺

 

 

5) Ich mache eine gründliche soziale, körperliche und psychische Inventur und fertige eine Liste an, was auszuheilen, abzuarbeiten und auszugleichen ist. Ich teile mir dies in realistische Schritte ein und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge.

 

Mmmh.. also langsam wiederholt es sich, oder? Na gut.

Meine psychischen Defizite. Schüchternheit und geringes Selbstbewusstsein, Selbstachtung, Selbstvertrauen. Hier wird zuerst die Therapie kommen, dann die Weiterbildung und ein sinnvoller Job. Währenddessen will ich wieder Sport machen. Naja, eigentlich nicht. Ich möchte nur den Bauch loswerden und mehr Oberarmmuskulatur haben. Etwas mehr Brust wäre auch gut. Einzige Möglichkeit? Gesunde Ernährung und Sport ☺ Sozial sehe ich momentan keinen Handlungsbedarf.

 

 

6) Welche Freiheiten sind mir geblieben? Welche will ich nicht mehr in Anspruch nehmen? Welche stehen mir durch die Abstinenz überhaupt wieder zur Verfügung?

 

Der Vorteil ist ja, dass ich gar keine Nachteile durch das Nicht-Trinken habe ☺ Weder psychisch noch körperlich. Also habe ich jede Freiheit die ich will. Abgesehen vom Alkohol trinken. Oder?

 

 

7) Wie will ich sein? Was für eine Art Mensch? Warum bin ich nicht so, was könnte mich daran behindern?

 

Ok, jetzt wiederholt es sich aber. Wie will ich sein? Nicht so schüchtern und selbstsicherer. Natürlich auch sportlicher etc. Was für ein Mensch? Ein achtsamer, freundlicher, hilfsbereiter, nachhaltiger, gesunder, anerkannter, respektierter, geschätzter, wertvoller Mensch. Warum das nicht so ist? Dafür bin ich noch zu unsicher. Nicht selbstbewusst genug. Aber ab und zu habe ich auch Zweifel an der Menschheit ☺. Als Beispiel meine Nachbarin von oben. Die hat n Sockenschuss. Und wie ich ihr gegenüber offen und freundlich sein soll ist mir ein Rätsel. Aber man kann es ja auch nicht jedem recht machen. Solange ich mir treu bleibe, gehe ich den richtigen Weg. Wenn dann jemand im Weg steht, der es nicht kapiert, muss ich nicht damit leben. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Aber irgendwann ist auch mal gut ☺

 

 

8) Was tue ich wenn es mal nicht geklappt hat? Wie sieht mein Notfallplan aus? Was tue ich, damit er funktioniert? Was tue ich, damit er erst gar nicht zum Einsatz kommt?

 

Das ist fast wie Punkt 12)... Wenn ich dann doch verzweifelt bin. Auf jeden Fall drüber reden. Mit meinem Partner, Freunden, in der Selbsthilfegruppe. Eventuell vorerst die Situation von außen betrachten und analysieren. Was haben wir hier? Was passiert mit mir? Kann ich akut was tun? Es vermeiden? Es angehen? Muss das sein? Tu ich was oder lasse ich es sein? Oder wird hier vom Rückfall gesprochen? Dazu sollte es nicht kommen, da ich vor habe, das erste Getränk zu vermeiden. „Heute keinen Alkohol. Heute nicht das erste Getränk trinken. Eins wird nicht reichen um der Situation zu entfliehen, um zu betäuben. Dazu bräuchte ich schon 3-4-5, aber dazu kommt es nicht, weil ich das erste Getränk nicht trinken werde.“

 

 

9) Was für eine Art Mensch wäre ich, wenn ich mich aufgebe? Wofür soll mein Leben stehen? Was liegt mir wirklich am Herzen?

 

Aufgeben ist keine Option. Das will ich mir nicht ausmalen. Dazu soll es nicht kommen. Klar ist man mal schwach oder sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht

oder würde sich am liebsten einbuddeln und verstecken. Aber dazu habe ich jedes Recht. Ich darf mich mal blöd fühlen oder es darf auch mal nicht so laufen wie ich es geplant habe. Das alles darf sein, nur ohne Alkohol. Ich möchte mich da nicht enttäuschen. Ich möchte meinen Freund und meine liebsten nicht enttäuschen. Ich weiß ich dürfte das. Ein Rückfall wäre nicht schlimm bla bla bla... aber nein. Ich möchte wirklich da sein. Momente auskosten oder mich auskotzen ☺ Mein Leben soll wach, aktiv, nachhaltig und neugierig sein, und von einer gewissen Sinnhaftigkeit oder Wertigkeit angeführt werden.

 

 

10) Mach dir jeden Tag bewusst, was gerade heute gut und richtig gewesen ist, weil du nüchtern bist.

Was wäre dir verschlossen gewesen, wenn du getrunken hättest wie früher?

 

Naja, ich war ja noch nicht soooo weit, dass mir viel verschlossen gewesen wäre. Aber, mein Freund hätte sich sicherlich von mir entfernt. Freunde hätten mich ggf. gemieden. Ich glaube ich würde in keine Job glücklich werden. Vor allem aber hätte ich nicht erkannt was mir gefehlt hat. Mir hat immer etwas gefehlt. Jetzt denke ich, dass es die Behandlung meiner Psyche ist, nach der ich mich gesehnt habe.

 

 

11) Womit will ich mein Leben bereichern? Welche Gewohnheiten ablegen? Was bin ich mir wert?

 

Ist das nicht wie Punkt 5), 7), 9) oder 13) ? Womit will ich MEIN Leben bereichern? Ok, ich soll egoistisch sein, oder? ☺ Mit Neugierde für Neues (also Reisen, Unternehmungen, Offenheit für Dinge die ich noch nicht kenne usw.), mit nachhaltigem Verhalten (kleiner ökologischer Fußabdruck usw. das macht mich immer stolz), sinnvolle Arbeit (wie der Plan den Selbsthilfeverband zu unterstützen).

Aber was bin ich mir wert? Wie kann man so eine Frage mit geringem Selbstvertrauen/-bewusstsein/ oder keiner Selbstsicherheit beantworten?

 

12) Welche kritischen Ereignisse und Zustände innerhalb und außerhalb von mir kann und darf ich nicht vermeiden?

Wer hilft mir währenddessen?

 

Jeglicher Stress der von außen kommt. Steuer- oder Nebenkostennachzahlungen. Eine tyrannische Nachbarin. Dämliche oder faule Arbeitskollegen. Leute an der Kasse die sich vordrängeln oder nur dumm rum stehen. Leute die meinen alleine auf der Welt zu sein. Rücksichtslose Menschen. Finanzielle, existenzielle Sorgen. Massenveranstaltungen, große Menschenmassen in der Stadt, U-Bahn etc. ... wer mir dabei hilft? An erster Stelle sollte ICH wahrscheinlich stehen. Tief Luft holen und besonnen die Sachen angehen. Aber natürlich mein Partner. Direkte Hilfe sehe ich weniger bei meinen Eltern. Ich informiere sie gerne darüber. Aber sie sind mir hauptsächlich seelischer Beistand. Tun muss ich es selbst.

 

 

13) Zu welchen Dummheiten habe ich früher geneigt und bin heute noch anfällig dafür? Wie kann ich dem vorbeugen?

 

Ohne den Alkohol kommt es bei mir nicht zu vergleichbaren Dummheiten. Allein die Abstinenz ist schon Vorbeugung. Eventuell wären es unüberlegte Kurzschlussreaktionen die ich vermeiden kann. Ich sollte mir möglichst in jeder Reaktion Zeit nehmen darüber nachzudenken und dann entsprechend zu handeln.

 

 

 

14) Wie schaffe ich es mir jeden Tag Zeit die Übung zur Achtsamkeit und der Tagesbilanz zu nehmen?

Übungen kann ich morgens bei meinem Kaffee machen. Eine Tagesbilanz kann ich abends nach der Therapie, im Telefonat mit meinem Freund und über meinen Kalender machen.

 

 

 

 

 

 

15) Freiheit, sich nicht mehr schämen.

Woran werde ich täglich spüren frei zu sein? Auch wenn ich nicht gut drauf oder mal krank bin.

 

Das weiß ich noch nicht. Hier sehe ich auch nicht den Alkohol als Problem sondern meine Psycho-Themen. Der Alkohol hat diese nur betäubt. Deshalb habe ich ja jetzt vor mich, nüchtern, darum zu kümmern. Vor dem Alkohol als solchen habe ich mich glaube ich nicht genug geschämt. Vor den Ausrutschern, klar, aber dazu stehe ich ja. Die sind ja nicht von der Hand zu weisen oder auszulöschen. Also werde ich sicher immer noch ein Scham- oder Schuldgefühl behalten. Ähnlich wie meine Scham-gefühle von früher wegen meiner Zahnspange. Klar, ich habe keine mehr. Aber die Gefühle von damals sind ja nicht vergessen. Und wenn mir jemand die alten Geschichten weiterhin vor die Nase hält, kann ich mich von den Gefühlen nicht distanzieren und an meinem Selbstbewusstsein arbeiten. Deshalb möchte ich mich auch nicht für immer als „krank“, „süchtig“ oder „abhängig“ bezeichnen. Hier würde ich mir immer wieder vorpredigen, dass ich einen Fehler habe, keine Kontrolle und so weiter... ich weiß man soll sich dafür nicht schämen. Aber bitte versteht doch, dass ich auch nicht immer wieder darüber reden möchte. Natürlich soll es mir bewusst sein. Und ich sollte nicht zu leichtsinnig werden und meinen irgendwann wieder Alkohol trinken zu können. Das war mal. Der Alkohol steht nicht mehr zur Debatte. Ich möchte nicht krank, oder süchtig sein. Ich möchte mein Problem mit Alkohol haben (wenn ich ihn trinken würde) und fertig. Ja, ich weiß, dass es die formale Bezeichnung ist. Auch, dass ich dann als trockener Alkoholiker gelte. Von mir aus. Aber ich für mich möchte das nicht. Ich möchte für mich „Ex-Alkoholiker“ sein. Ich möchte kein Verlangen mehr haben. Mir soll es nicht mal in den Sinn kommen, mir in nem Restaurant ein normales Bier zu bestellen oder bei einem Sektempfang ein Gläschen zu trinken. Oder, wenn es mir schlecht geht, auf die Idee kommen, das zu ertränken.

Absolutes No-Go!

Ich weiß dass das noch lange dauern wird.

Aber für meine Zukunft wünsche ich mir das. 

 



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