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Ehe für alle

Bis gestern Mittag war ich richtig stolz auf mich. Ich bin gut durch die Woche gestartet. Ich war aktiv, viel spazieren, war bei der Hörwiese, der Selbsthilfegruppe, hab eine Freundin tatkräftig unterstützt, habe gut am Buch weitergearbeitet, mich zum Thema Veganismus und Umweltschutz informiert, viel Ablage erledigt und und und... gestern Mittag war dann der Akku leer. Ich war die ganze Zeit so gut unterwegs aber dann war Ende im Gelände. Ich hatte keine Kraft mich in den Feierabendverkehr des ÖPNVs zu schmeißen. Zu viele Menschen, Gedränge in den Bahnen. Ich habe gemerkt wie mein Kloß im Hals größer wurde. Wie unruhig ich beim Gedanken an die Bahnfahrt geworden bin. Mein Freund hatte Verständnis für meine Entscheidung mich

erst Freitag-vormittag auf den Weg zu ihm zu machen. Danach ging es mir schon besser. Ich habe mich zwar nur auf Sofa geknallt und Filme/Serien geschaut. Aber das war wohl nötig. Ich musste Energie nachtanken. Heute Morgen sieht die Welt wieder schaffbar aus. Gestern hatte ich kein Vertrauen in meine Kraft. Ich kann zwar keine Bäume ausreißen, aber ich fühle mich kontrollierter. Ich muss lernen mit meiner Energie zu haushalten. Den Anflug des erschöpften Gefühls habe ich gut erkannt. Ich habe mich zwar erst vor der Entscheidung gedrückt, dann aber richtig gehandelt. Zumindest glaube ich das. Ich wäre ziemlich fertig gewesen, wenn ich das gestern durchgezogen hätte. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich das nachher mühelos hinter mich bringen kann und nicht gestresst sein werde. Zur Belohnung ist für heute Abend ein Saunagang geplant ☺ Ich brauche ein neues Belohnungssystem. Ich sollte auf so was wie Chips etc. im Alltag verzichten und mich damit dann nach solchen Aktionen belohnen. Ganz davon abgesehen, dass ich nicht so viel Geld ausgeben sollte, sollte ich diesen Luxus nicht mehr als selbstverständlich nehmen. Diese Gewohnheit muss abgeschafft werden. Aber mit welcher anderen guten Gewohnheit? Ein Salat? Ein veganer Snack? Das ist noch zu überlegen.

Aber erst mal was aktuelles: Gleich um 8:00 Uhr startet die Abstimmung zur „Ehe für alle“. Bin sehr gespannt was passiert. Es wäre natürlich äußerst peinlich, wenn sich nicht dafür ausgesprochen wird... daher kann es eigentlich nur zu einem positiven Ergebnis kommen. Aber wer weiß.

 

Ich für meinen Teil würde erst heiraten, wenn die Ehe wirklich gleich gleich ist. Ohne Unterschiede. Die „eingetragene Partnerschaft“ soll auch in so fern gleich sein, dass sie nicht mehr eingetragene Partnerschaft heißt, sondern „Ehe“. Ehe soll einfach Ehe sein. Für alle. Keine „Homo-Ehe“. Sondern nur Ehe.

“Wenn die Ehe für alle kommt, wird vielen etwas gegeben, aber niemandem etwas genommen”, sagt Oppermann.

Sehr richtig.

Schon toll. Es ist das erste mal, dass ich einer Bundestagsdebatte via Live-Stream beiwohne. Ich komme mir vor, als wäre ich gerade live dabei wie Geschichte geschrieben wird. Eine Geschichte die schon längst hätte geschrieben werden sollen, wenn man bedenkt, wie viele Länder in Europa sich schon dafür ausgesprochen haben. Und Deutschland irgendwie peinlich hinterherhinkt. Jedenfalls bin ich wirklich gespannt. Es ist mir anscheinend wichtig. Wichtiger als die letzten Jahre. Aber ich habe das Gefühl, dass es heute klappt. Und ich möchte wissen wer was gesagt hat und wer sich für was entschieden hat, statt nur auf das Facebook-Posting zu warten. Ich wäre nicht enttäuscht, wenn es nicht dazu kommt. Es wäre typisch Deutschland. Religion und Politik vermischen. Mit den christlichen Werten nicht vereinbar... bla bla bla... das gehört für mich nicht zusammen. Aber es wird immer wieder betont. Dabei finde ich nicht, dass das religiöse Gewissen mit der Politik vereint werden sollte. Es gibt so

viele nicht-religiöse, deutsche Mitbürger. Wie kann man diese nach christlichen Werten „führen“, wenn sie nicht religiös sind? Dafür sollte es doch die Politik geben, oder? Sollte das nicht der Unterschied sein zwischen Religion und Politik? Dass man losgelöst von religiösen Ansichten Entscheidungen für die Bürger fällt? Naja... nur mal so als Gedankenanstoß ☺

 

Und immer wieder die Begründung: Im Grundgesetzt steht es anders! Hier ist die Ehe zwischen Mann und Frau unter besonderem Schutz. Jo, dann ändert das Grundgesetz!!! „Im Grundgesetz steht, dass das nicht geht“ Ja Mann! Ändern! Darum geht es doch ☺ Nach Umfragen seien 82% der Deutschen für die Öffnung der Ehe für alle. Also! Schon irre wie eingefahren die paar Anzugträger da sind und sich nicht dafür aussprechen können. Und es ist schon lustig zu sehen, wer im Bundestag wem applaudiert. Diese eingefahrenen Ansichten. Fast erschreckend. Vor allem wäre es erschreckend, wenn es eine Entscheidung dagegen gibt, obwohl die Mehrheit der deutschen dafür ist. Ein paar Leute sagen „nein“, obwohl so gut wie alle „ja“ sagen. Das wäre peinlich und erbärmlich.

Ich kann die Spannung kaum aushalten. Seit einer Stunde hänge ich den Rednern an den Lippen. Gleich ist es so weit. Wie lange dauert die Abstimmung überhaupt? Wann wird abgestimmt und wann steht die Entscheidung? Ich hoffe doch zeitnah ☺ Oh mein Gott es geht los... ich verstehe zwar nicht was passiert, aber es wird heiß. Oh, eine Wahlurne... also dauert es wohl noch... es ist nicht auszuhalten. Ich sollte mich öfter mit

Politik auseinandersetzen... diese Vorgehensweisen sind mir völlig fremd. Schon peinlich mit dreißig ☺ Diese wenigen Minuten kommen mir ewig vor.

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In der Zwischenzeit mal ein Gedankenblitz:

Wenn ich noch trinken würde, würde ich mich wahrscheinlich, egal wie die Entscheidung fällt, heute Abend betrinken. Dafür? Aus Freude. Dagegen? Aus Enttäuschung. So oder so würde ich trinken. Schon schlimm. Der Alkohol würde so oder so eine Rolle spielen. Egal aus welchem Grund. Freude und Trauer. Immer wird getrunken. Und von der Gesellschaft wäre jedes dieser Trinkverhalten verständlich und angesehen. Schauderhaft. Egal wie es dir geht, trink ruhig was.

Jeder hätte Verständnis dafür, wenn heute die Gay- Community feiert und trinkt oder trauert und trinkt. Ich hoffe natürlich, dass gefeiert wird. Aber ich werde nicht trinken. Egal wie es mir geht. Das ist wichtig. Sich immer, in jeder Situation zu sagen, ich trinke nicht. Ich darf mich freuen, ich darf auch traurig sein. Aber ich darf nicht trinken. Ich möchte nicht trinken. Ich sollte nicht trinken. Ich trinke nicht. Wie auch immer man es für sich bezeichnen möchte. Hauptsache den Alkohol aus seinem Leben verbannen.

 

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JA! Der Bundestag hat mit deutlicher Mehrheit die Ehe für alle beschlossen. 393 Abgeordnete stimmten für den Antrag.

Mit einer historischen Entscheidung hat der Bundestag am Freitag den 30.06.2017 Ja zur Ehe für alle gesagt. Bei 623 abgegebenen Stimmen sprach sich eine Mehrheit von 393 Abgeordneten für eine völlige rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare aus.

Ein schönes Gefühl, zu können wenn man wollte. Aber es ist schon schade, dass man sich jetzt über die Ungleichheit in dieser Frage nicht mehr aufregen kann ☺ ☺ ☺ Aber es gibt trotzdem noch viel zu tun. Die Gleichstellung in der Gesellschaft und in den Köpfen vieler, ist noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt immer noch Idioten die aggressiv und abwertend gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden sind.

Natürlich kann man nichts gegen alle tun. Aber man sollte auch nicht auf der faulen Haut liegen bleiben. Mich interessiert mich mal wie viele Gruppen jetzt ihr CSD-Motto ändern müssen, da die Ehe ja jetzt offen ist ☺ Egal, auch ohne Motto lässt es sich freuen. Und weiter arbeiten.

Bin gespannt wie schnell das dann jetzt überall greift. Das arme Finanzamt ☺

Aus dem www: Was wird aus der Verpartnerung? Sie werden nicht automatisch zu einer Ehe. Verpartnerte Paare müssen vielmehr persönlich und gemeinsam erneut zum Standesamt. Dort können sie erklären, dass sie künftig in einer “gleich-geschlechtlichen Ehe” leben wollen - so lautet der Verwaltungsbegriff. Eine Pflicht dazu gibt es nicht - Lebenspartnerschaften können auch einfach weiter-geführt werden. Neue lassen sich

allerdings nicht mehr schließen - es gibt künftig nur noch die Ehe.
Ab wann kann geheiratet werden? Wenn der Bundestag das Gesetz beschlossen hat, muss es der Bundespräsident unterschreiben. Davon ist auszugehen, das kann aber einige Wochen in Anspruch nehmen. Danach haben die Standesämter drei Monate Zeit, sich vorzubereiten. Der frühstmögliche Termin ist damit der 1. November, an dem zwei Frauen oder Männer eine Ehe eingehen

 

 

Weiter im Takt

Einen Satz den ich heute in der Gruppe mitgenommen habe: Ich mache das, weil ich mich wieder kennenlernen will. Die letzten 25 Jahre kenne ich mich und andere meistens nur angetrunken, betrunken oder besoffen. Ich möchte wissen wer ich bin. Ohne Alkohol. Ohne den Nebel, die Betäubung, die Verdrängung von Gefühlen und den „falschen“ Gefühlen die durch den Alkohol kommen.

Das kann ich verstehen. Das merke ich auch gerade. Ich merke, dass ich mich lange versteckt habe. Und dass ich meine Probleme, großen oder kleine Ängste, psychische Defizite etc. und halt auch mich selbst vernachlässigt habe. Wer bin ich überhaupt? Bin ich die Stimmungskanone? Bin ich die Fummel-Trine mit Make-Up? Bin ich der Tänzer? Die Sexbombe? Oder der depressive Pessimist? Gehe ich Stress und Streit aus dem Weg? Bin ich gar nicht so toll, wie ich dachte? Bin ich noch toller? Muss ich mich gar nicht so ernst

nehmen? Darf ich mich mögen? Da soll mir Therapie helfen. Ich finde zwar, dass ich hier schon sehr viel erörtert habe, aber die Fachleute werden sicher noch einiges hervorholen können.

 

Aus der Suchtfibel entnehme ich einen Gedanken. Hier wurde davon gesprochen, dass wenn früher oft krank war, oder Defizite hatte bzw. zumindest von der Norm abgewichen ist, dass das evtl. Auswirkungen auf der spätere Leben hat. Da fiel mir doch sofort mein Stottern ein! Auch meine Neurodermitis, weshalb ich in der Grundschule nicht an die Hand genommen wurde. Weshalb ich Blut in den Schuhen hatte oder in meinen Schreibheften, wenn ich den Füller zu fest gehalten habe. Irgendetwas stimmte immer nicht mit mir. Das war natürlich gefundes Fressen für die Mitschüler. Kinder können so grausam sein. Mobbing in der Schule stellte sich also in den Ring. Meine Selbstachtung hat zwangsläufig haushoch verloren. Da können Eltern machen was sie wollen. Wenn die Schulzeit im Arsch ist, dann bringt die Zeit zuhause auch nix mehr. Da hab ich meist auch ziemlich verschlossen. Nicht pysisch, weil bei uns alle Türen offen sein sollten. Keine Türen verschießen und so... Aber innerlich hab ich zu gemacht. Zu mir sollte erstmal nichts durchdringen. Hat nicht so gut geklappt. Die Hänseleien kamen immer noch durch. Aber das Lob (das es bestimmt igendwann mal gegeben hat) kam aber nicht mehr durch. Der Ausgleich wurde nicht mehr geschaffen. Ich sah nur das Schlechte von mir. Aber das Gute blitzte nicht hervor. Wenn mir das mal aufgefallen wäre! Aber in der Zeit war alles so mittelmäßig. Meine Noten waren mir egal. Natürlich

war mir nicht egal wenn es schlechter als 3 war. Aber alles was darüber passierte, habe ich nur hingenommen. Wenn es eine 2 war, ärgerte ich mich, warum ich denn keine 1 schaffe... das gleiche mit ner 3... zu blöd für ne 2 anscheinend.

Ich fing an nur noch das zu sehen, was nicht gut war. Deshalb hat sich glaube ich auch so eine Abneigung gegenüber meinen Eltern eingeschlichen irgendwann. Ab einen gewissem Punkt, habe ich mich als was besseres gefühlt, als meine Eltern. Ich find an mich für sie schämen. Warum? Ich weiß es nicht. Meine Eltern waren toll. Die haben echt viel in ihrem Leben geschafft. Aber damals sah ich das nicht. Das tolle konnte ich erst viel später wieder sehen. Mein großes Vorbild war auch irgendwann keine Hilfe mehr für mich. Mein Cousin Lutz brachte mir eher stetes Ablehnen entgegen. Dabei dachte ich, er würde mich mögen... stimmt wohl nicht. Alles doof. Ich kann keinem vertrauen.

Ich kann nicht sagen in welchen Zeit das war. Vielleicht alles nach dem Tod meiner Oma? Ich kann es nicht sagen. Im Nachhinein sehe ich das aber alles irgendwie klarer bzw. schließt sich der Kreis. Aktion und Reaktion. Ursache und Wirkung. Der Wahnsinn :)

Ich erkenne auch meine “Sammelsucht” wieder. Ob es eine Sucht ist, stelle ich einfach mal in den Raum, weil es hier ja um Sucht geht :) Ich habe früher Ü-Eier, Powerranger, Pokemon, Panini-Bilder gesammelt. Aber irgendwie nicht normal. Ich musste alle haben. Und ich glaube irgendwann hatte ich noch nicht mal mehr Spaß

dran. Es ging nur noch darum, zu komplettieren. Wenn ich schon nicht komplett war, dann doch wenigstens das Sammelheft. So würde ich das heute beschreiben. Pokemon? Ich musste alle Versionen haben. Zuerst Blau, dann Rot dann Gelb. Dann kam Silber und Gold... dann noch irgendwas. Dann brauchte man langsam neue GameBoys, um die neuen Verionen zu spielen. dann eine Nintendo24-Konsole und und und. Hatte ich alles. Hab ich alles auch mindestens 2x ver-kauft und wieder neu oder gebraucht ge-kauft. Zuerst weil ich dachte ich brauche es nicht mehr. Dann hat mir gefehlt... dann gings wieder von vorne los. Mit PokemonGo ist es heute quasi das Gleiche.

Später wurden dann aus dieser Sammelei andere Dinge. Karneval, Kostüme, Kulturschock - Make Up, ich hab mir alles geholt was man hätte brauchen können. Sneaker - selber gestalten von diversen Marken. Dann vom Balkon zur Terrasse - Massen an Blumen und Grünpflanzen. Deko im Allgemeinen ist bei mir fast ausgeartet. Geschirr, man braucht doch Kuchenteller, oder? Gläser in allen Größen und Formen. Koch-Zeitschriften.... besteht da ein Zusammenhang? :) Und ich merke, sobald es mir etwas anders geht als gut, kommt ein kleines Männchen und möchte shoppen gehen. Zumindest juckt es in den Fingern. Entweder shoppen, Deko oder Haushaltszeug oder Pflanzen. Alternativ? Eskalation - Zigaretten, Bier, Gin, Darkroom, Sex, fremdgehen... naja, so krass nun auch wieder nicht... aber auf lange Sicht? Wer weiß? Ich bin froh, dass ich da n Strich drunter gezogen habe.

 

 

Einschub

Das Herz möchte im Moment Leben.
Die Vergangenheit ist nur Hirngespinst. Die Zukunft nur teilweise vorstellbar.

 

 

Noch ein Einschub

Auch wenn es mir gut geht, gehe ich zur Gruppe.

Denn, nur weil es mir gut geht, kann es ja sein, das es jemandem grade nicht gut geht,

und er meine Hilfe oder Unterstützung gebrauchen kann.

Ich muss mich annehmen.

Zu mir und meiner Entscheidung stehen.

Meinen Weg gehen, meine Ziele verfolgen.

Was solls was andere sagen.

Wenn ich mich selbst akzeptiere, tun es andere auch.

Und wer es nicht tut,

den brauche ich nicht. 

 



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