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Zurück zum Alkohol

Ich fühle mich jedenfalls besser als letzte Woche. Ich glaube, oder eher, ich hoffe, dass meine Ängste und meine Nervosität, genau so schnell wieder abschwächen, wie sie wiedergekommen sind. Eventuell ist es auch ein Auf-und-Ab der Gefühle in dieser Übergangsphase vom Trinken, zur Abstinenz und während der Wartezeit auf die Therapie. Eigentlich könnte ich die Therapie sicher schon anfangen, wenn die Unterlagen zügig angekommen wären. Aber gut. Ich stelle mich jetzt der Suchtfibel von Ralf Schneider. Ein beeindruckendes Buch von knapp 440 Seiten die zu lesen sind. Ralf Schneider ist unter anderem Geschäftsführer der salus Kliniken. Kliniken, Fachambulanzen und Beratungsstellen, spezialisiert auf die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen sowie Psychosomatischen Krankheitsbildern – also wohl äußerst kompetent und voll im Thema. Nahezu jede Beratungsstelle legt einem das Buch ans Herz. Also ran an den Schinken ☺

 

Mittwoch

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die Suchtfibel bisher nicht angerührt habe. Ich habe zwar ein schönes Lesezeichen hinein gelegt, aber ansonsten war es das ☺ Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Ich habe mich gut um mich und andere gekümmert. Heute Vormittag habe ich einer Freundin geholfen, einige Kubikmeter Erde zu schaufeln. Sehrt anstrengend. Aber

nötig. Sie ist in einem sehr reifen Alter, daher wollte ich sie bei der harten Arbeiten unterstützen. Zudem habe ich die letzten Tage reflektiert. Mir ist aufgefallen, dass mir die Gespräche von Freunden über Alkohol und deren Umgang mit Alkohol aufstoßen. Ich möchte nicht zu jemandem werden, der mit erhobenen Zeigefinger den Alkohol verteufelt. Deshalb habe ich mich dabei sehr bzw. komplett rausgehalten. Aber ist aufgefallen, wie gedankenlos einige Freunde tatsächlich trinken. Und wie sie, genau wie ich vor ein paar Wochen, das alles stark bagatellisieren oder für völlig normal halten. Letzte Woche haben sich zwei Freunde für samstags verabredet. Die eine meinte, dass sie am Freitag auf einer Hochzeit sind, daher schon was getrunken haben werden, und Samstag dem entsprechend noch ordentlich Restalkohol intus haben werden. Also sollte sich der andere Freund nicht wundern, wenn sie nicht direkt zu Anfang trinkt. Aber im Laufe des Abends sollte sie sich wieder warm getrunken haben. Der Sonntag wird dann wohl eher scheiße, aber so ist das dann halt. Unglaublich. Und so habe ich auch gedacht. Sei es das Wochenende vom Schaafenstr.-Fest, oder das CSD-Wochenende, ganz zu schweigen vom Kölner Karneval. Ich hab mir nur gedacht: Wow, Mädel, mach mal halb lang. Musst du denn Freitag so saufen, dass der Samstagmorgen schon hart wird? Oder Samstagabend dann noch einen drauf setzen?

 

Oder eine andere Freundin, die meinte, dass sie am Wochenende ordentlich gebechert hätte, Montag ausgesetzt, aber heute schon wieder ein Sektchen trinken könnte. Ich verhalte mich da noch wie früher und lache dann nur auf. Aber eigentlich würde ich da schon gerne sagen „Mach ma halblang. Auch wenn du es verträgst,

aber das ist zu viel.“ Naja, dann denke ich mir „das muss gerade ich sagen“. Ich hab nie ins Glas gespuckt. Jeder im Freundeskreis kann mindestens eine Alkohol- Geschichte mit mir erzählen in der ich entweder so dicht war, dass ich nicht weiß wie ich nach Hause gekommen bin, etwas angestellt habe oder einfach nur peinlich war.

 

Trotzdem komme ich mir in solchen Momenten vor, als müsste ich etwas sagen. Gerade weil ich so viel getrunken habe und jetzt die Reißleine gezogen habe. Andererseits denke ich, dass die alle alt genug sind. Und eigentlich wissen sollten, dass das alles so nicht weiter gehen kann. Vielleicht wird mein Kontakt mit ihnen aber auch einfach nicht mehr der sein wie früher. Es hat sich eh schon etwas kristallisiert. Ich muss nicht um alles auf der Welt zu jeder Party mitkommen. Es geht mir nicht nur um den Alkohol den ich vermeiden möchte, es geht mir um das betrunkene Umfeld mit dem ich nach einiger Zeit weniger anfangen kann. Auch um die späte Uhrzeit... oh Mann ich werde alt ☺ Zumal, ich verpasse nichts. Es sind immer die selben Locations, die gleichen Motto-Partys, nach einem gewissen Alkoholpegel auch immer die gleichen Gespräche. Am Anfang ist es noch recht oberflächlich, dann sind alle etwas angetrunken und es wird gemütlich, dann sind die Lampen an und schwankt zwischen einem Grad tiefer Vertrautheit und einer niederschwelligen Aggression. Nicht gegen mich, aber irgendwas ist ja immer. Sei es der Job oder der neue Partner oder der nichtvorhandene Partner. Die Politik, Umwelt oder die Bedienung die so lange braucht. Ich freue mich mittlerweile mehr darauf, die Leute tagsüber oder am frühen Abend zu sehen, da ich weiß, dass dann kein oder wenig Alkohol im Spiel ist. Das man sich dann

wirklich unterhält und austauscht, statt nur zusammen zu trinken und vielleicht nur zusammen sitzt, damit das Gegenüber einen Grund oder die Gelegenheit hat zu trinken. Das er sich in der gewählten Umgebung unbescholten betrinken darf, weil es hier ja normal ist. Es wäre ja unnormal in eine Bar zu gehen und nicht etwas zu trinken. Schließlich geht man in ein Cafe ja auch nur, um einen Kaffee zu trinken. „Wir müssen bald mal was zusammen trinken gehen“ – äh, nein?! Wir müssen uns bald mal wieder sehen und quatschen. Warum muss ein alkoholisches Getränk für ein Treffen sein? Klar, es suggeriert Entspannung, Lifestyle, man geht aus, man hat Abstand vom Alltag... aber trotzdem. Warum muss man das Trinken vorschieben? Die Person ist einem doch wichtig. Bestimmt fällt das den wenigsten auf. Aber wenn man drauf achtet, kommt meist zu erst das Vergnügen, das Trinken, die Location, dann die jeweilige Person.

Ich weiß jedenfalls noch nicht, wie in diesen Situationen mit dem Trinken der anderen umgehen soll. Nicht im Moment des Trinkens, klar. Ich hab mir auch nicht sagen lassen, dass ich zu viel trinke. Aber vorher? Darf ich das ansprechen? Muss ich das ansprechen? Reicht es nicht, dass die Leute wissen, dass ich wegen meines Problems abstinent bleiben will und eine Therapie machen will? Sollte sie das nicht auch wach rütteln? Oder ist das Effekt von wegen „oh, ja krass, natürlich wussten wir dass er immer viel trinkt, und zu viel trinkt, aber so ein Schritt? Gut dass ich nicht so drauf bin. Bei mir geht’s ja. Ich komm ja klar.“ ?

 

 

In einigen Selbsthilfe-Stunden haben die anderen oft ein Problem mit dem Kümmern. Sich um andere statt sich um sich zu kümmern. Der Kümmerer sein, um sich nicht mit seinen Problemen auseinander zu setzten. Und die Antwort der Gruppe ist immer: Jetzt bist du wieder der Kümmerer. Lass die anderen. Du kannst unterstützen. Aber um Hilfe muss gebeten werden. Mach nicht zu viel. Du kannst ihnen nicht helfen, wenn sie nicht glauben, dass sie Hilfe brauchen. Schau dich an. Wie lange hat es gedauert bis dir klar war: so geht es nicht weiter. Ich brauche Hilfe. Die anderen werden auf den Trichter kommen. Dann kannst du da sein und beraten. Aber eine Lösung finden und den Weg gehen, können die Leute nur für sich selbst.

Alles klar Leute. Außerdem sollte mir bewusst sein, dass ich niemandem Ratschläge geben sollte, nur weil ich jetzt seit knapp drei Monaten nichts mehr getrunken habe, drei 1⁄2 Bücher zum Thema gelesen habe aber noch nicht mal meine Therapie angefangen habe. Das ist evtl. etwas zu früh ☺

Apropos: Mein Antrag zur Langzeittherapie ist heute an der Rentenversicherer gefaxt worden. Also, die nächsten 14 Tage Daumen drücken ☺ Bin gespannt wie viele Wochen mir bewilligt werden.

Obwohl es mir heute und die letzten Tage gut ging, werde ich zur Selbsthilfegruppe gehen. Mir fallen zwar die Arme ab, und ich würde lieber deftig kochen und einen Film gucken. Aber man hat mir mal gesagt: Geht es dir schlecht, komm in die Gruppe. Geht es dir gut, lauf in die Gruppe! Man sollte die Euphorie nicht unterschätzen

oder überschätzen. Man könnte leichtsinnig werden. Ok, wegen einem recht guten Tag falle ich jetzt nicht vom Glauben ab und mach mir n Bier auf. Aber ich weiß was damit gemeint ist. Abgesehen davon möchte ich den wöchentlichen Termin nicht abreißen lassen. Den habe ich mir fest vorgenommen. Der Montag wirklich nur nach Möglichkeit und Lust. Mittwoch aber auf jeden Fall! So oder so.

Es ist wie mit dem Fitness-Studio – nur für die Seele. Ich will die Zeit bis zur Therapie für mich nutzen? Dann muss ich das auch tun. Selbsthilfegruppe besuchen, Bücher und Foren lesen, Dokumentationen gucken, soziales Umfeld aufrecht halten (so weit ich möchte und es für nötig ansehe), bei der Hörwiese sprechen und Verantwortung übernehmen. Abends meinem Freund vom Tag und den erreichten Zielen oder meinem Weg berichten und am Wochenende können wir dann zusammen entspannen.

Natürlich fehlt hier und da mal die Energie. Aber das ist nicht schlimm. Das ist ein Zeichen dafür, dass ich mich schonen muss. Oder dafür, dass ich mich mal zusammen reißen muss und jetzt mal die verdammte Spülmaschine ausräume ☺ Auch wenn ich morgen dafür noch genug Zeit hätte. Kleine Schritte. Hauptsache nach vorne gerichtet ☺

 

Und ich habe ja auch etwas vom Wochenende in der Gruppe zu berichten. Mein Partner wollte gerne ausgehen und tanzen. Er hat sich einem Freund und seinem Kumpel verabredet. Natürlich sollte ich auch mit. Ich habe es mir durch den Kopf gehen lassen. Mich aber dagegen entschieden. Ein voller Club, wild tanzen und das ohne Alkohol? So weit bin ich noch nicht. Ich hab meinen Freund zwar vor Ort abgesetzt, aber bin dann wieder nach Hause. Kein Problem. Dafür war mir das Treffen auch zu ungesellig. In lauten Bars kann man sich eh nicht unterhalten... was unter Alkoholeinfluss natürlich vollkommen egal ist. Nüchtern glaube ich bekomme ich es noch nicht hin. Aber der CSD steht ja schon vor der Tür. Da kann ich mich ausgiebig in Menschenmassen testen und schauen wie gut oder nicht gut es mir dann geht.

 

Ein Schritt nach dem anderen,

auch wenn es kleine sind,

Hauptsache nach vorne gerichtet.

☺ 

 



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