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Euphorie

 

Zwei Tage Später

Es geht mir soooooo viel besser. Gestern war ein fantastischer Tag. Ich habe Spaziergänge gemacht, eine Freundin besucht, eine andere kam abends vorbei... sehr erfolgreich.

 

Der heutige Tag hat ebenso gut begonnen. Ich war sehr aktiv und positiv eingestellt.

 

Gerade lege ich die Beine hoch, lasse die Seele baumeln und mir kommen verschiedene Gedanken. Zum einen das Thema „Zusammenzeihen mit meinem Freund“. Nicht unbedingt jetzt, aber in den nächsten 2-3-4 Jahren sicherlich. Köln vs. Ennepetal ist wirklich eine krasse Nummer. Aber auch eine schöne. Ich frage mich auch, ob es wirklich noch so lange dauern soll, bzw. was in der Zeit passieren soll. Denn, wenn ich nicht jetzt bereit dazu wäre, warum sollte ich es nächstes oder übernächstes Jahr sein? Die Idee dort hinzuziehen schein mir sinnvoll. Logisch und natürlich auch romantisch. Aber ich glaube ich habe Angst vor einem Alltag mit meinem Freund. Bisher ist unsere Zeit zusammen immer etwas besonderes. Entweder kommt er nach Köln oder ich zu ihm. Jeder von uns plant im Vorfeld seine Anreise, den Aufenthalt. Wir freuen uns auf den anderen, weil wir uns die Woche nicht gesehen haben. Und meine bisherigen Beziehungen sind nach einem Zusammenzug immer in die Brüche gegangen.

 

Ok, es gab auch immer Gründe weshalb es dann doch nicht geklappt hat. Das kann natürlich auch passieren, wenn wir nicht zusammen wohnen... Aber sollte die Angst oder Befürchtung nicht auch dazu gehören? „Mein“ Leben in Köln aufgeben, alles hier lassen und die Segel setzen? Wenn das schief läuft, müsste ich von null anfangen. Und zwar noch mehr als ich es bereits in der Vergangenheit getan habe. Bisher hatte ich entweder meine Wohnung oder meinen Job der nach einer Trennung geblieben ist. Eventuell ist das auch der Grund weshalb es mit mir Anfang des Jahres so bergab ging. Ich habe die WG in Holweide verlassen und hatte keinen Job mehr. Neue Wohnung und arbeitslos... nichts von dem was ich vorher hatte, blieb beständig. Abgesehen natürlich von der Beziehung... aber mein Freund war ja unter der Woche nicht da... Sonst hatte ich entweder den gleichen Job, oder die gleiche Wohnsituation. Eine Konstante. René kannte ich in Krefeld schon. Als er nach Köln ging, folgte ich am Wochenende, also eine Wochenendbeziehung. Dann habe ich den ersten Job angenommen. Die Beziehung ging zu Ende, ich hab mir eine eigene Wohnung gesucht, der Job blieb.

 

Mit Carsten hat sich eigentlich nichts verändert. Ich hatte zwar einen etwas anderen Job, aber der Arbeitgeber und die Kollegen blieben gleich. Während der Beziehung mit Tom wechselte ich zum zweiten Arbeitgeber. Tom ging, Lorenz kam. Nach einem knappen Jahr bin ich zu ihm gezogen, der Job blieb. Dann habe ich den Job gewechselt. Die Wohnsituation blieb die gleiche. Als wir uns getrennt haben, bin ich in die WG, der Job blieb. Kurz bevor es beim letzten Job aus war, bin ich in mein altes Feedel (Viertel) zurück.

Neue Wohnsituation, kein Job, bzw. neue, nicht- arbeitende Situation.

 

Ich glaube, dass ich hier in mein Loch gefallen bin. Zwar schon ansatzweise zum Ende des letzten Jobs... aber ich dachte es ging noch so gerade.

 

 

Wie dem auch sei. Wenn ich den Schritt „Ennepetal“ wage, hieße das auch eventuell für die Zukunft: Freund weg, Köln weg, Job in EN – neue Wohnung in EN suchen (???) oder besser in Köln! und Job in Köln suchen. Aber so weit soll es ja nicht kommen ☺

Natürlich hätte ich beim Schritt „Zusammenziehen“ eine Konstante: meinen Freund. Und die Wohnung von ihm kenne ich ja nun auch. Was ich beruflich dort machen soll, weiß ich noch nicht. Und mit der Rolle als Hausmann kann ich mich bisher nur schwer oder teilweise arrangieren. Da ich nicht das Gefühl haben möchte und nicht den Eindruck machen möchte, dass ich mich aushalten lasse. „Reich geheiratet und Füße hoch.“ Das möchte ich mir nicht vorwerfen lassen. Aber über das Thema komme ich sicherlich irgendwann hinweg. Später dazu mehr.

 

Weiterhin ging mir der Sinn des Lebens durch den Kopf. Oder besser gesagt der nicht vorhandene Sinn in den meisten Leben. Wir haben heutzutage so viele Möglichkeiten. Und ich finde, dass wir sogar viel zu viele Möglichkeiten haben. Weshalb wir auch nicht wissen, was wir machen sollen. Soll ich was in Medien machen, was mit Tieren, Arzt werden oder Anwalt, was soll ich studieren, welche zusätzlichen Kurse, muss ich was ehrenamtliches tun? wie will ich wohnen, welcher Stadtteil ist grad angesagt, wo soll ich Urlaub machen, was soll ich anziehen, welche Musik ist grad aktuell, sind die 90er wieder da? Warum gibt es überall Salat-Bars? Ist das auch wirklich ohne Zucker? Paleo? Vegan? Ist der Beutel biologisch abbaubar, kauf ich besser Hackfleisch für 0,99€ oder 9,99€... die Liste ist unendlich lang. Wir haben theoretisch jede erdenkliche Möglichkeit und Wahl. Kein Wunder, dass wir regelrecht dazu erzogen und gezwungen werden immer alles miteinander zu vergleichen, Vor- und Nachteile hin und her schieben, pro und contra Listen akribisch aufdröseln, und am Ende doch mit unserer Entscheidung unzufrieden sind, weil es immer wieder neue und vermeintlich bessere Entscheidungen hätte geben können. Zumindest befürchten wir das und sind dann wieder gefrustet und suchen den Sinn unseres Lebens beim Yoga, im Bio- Waschmittel, einem Schweige-Workshop im Kloster oder oder oder...

 

Ich kann mich vorher gar nicht richtig entscheiden. Ich muss es erst erleben und wirklich leben. Es fühlen. Um dann sagen zu können, ob es eine gute Entscheidung für mich war. Für mich. Nicht allgemein, nicht für jeden, nicht irgendwann. Jetzt für mich. Und ich bin froh, dass mir eine Entscheidung schon abgenommen wurde. Obwohl, diese Entscheidung habe vorrangig ich getroffen: keinen Alkohol mehr trinken. Ich entscheide mich nicht mehr für jenes Bier oder die Gin-Tonics. Ich brauche mir nicht die Frage stellen, ob ich trinke oder nicht weil ich evtl. noch Auto fahren will oder morgen etwas wichtig zu tun habe. Ich brauche mir nicht mehr zu überlegen, ob ich noch was essen muss, damit ich nicht zu schnell betrunken bin.

 

Und diese Entscheidung hatte nur eine einzige Auswirkung: ich trinke keinen Alkohol mehr. Sonst hat sich nichts verändert. Ich kann immer noch tanzen, Leute treffen, Party machen, grillen, ins Kino, auf die Kirmes, eislaufen, ... diese Liste ist endlos lang. Aber ich habe sie etwas kürzer gemacht. Keinen Alkohol mehr. Und ich muss nicht mit mir kämpfen und mir sagen „ok, heute trinke ich mal nichts“... „oder doch? Ist ja grad so nett? Ich muss morgen früh raus... ok, einer geht noch... ne ich muss noch fahren“... diese Entscheidungen fallen weg.

 

 

Auch wenn es ein krasser Vergleich ist, aber ich glaube deshalb sind viele Leute mit einer bleibenden Krankheit, in mancher Hinsicht glücklicher als die, die alle Möglichkeiten haben. Zumindest die, die ich kenne oder in Dokumentationen gerade sehe. Frauen mit Herzkrankheiten engagieren sich gerade für irgendetwas... weiter bin ich mit der Folge noch nicht. Alle haben ernstzunehmende Herzprobleme und krasse OP’s vor sich. Aber sie sehen glücklich aus. Sie wissen, dass sie auf Grund ihrer Erkrankung gewisse Dinge nicht machen können, oder spätestens nach der OP nicht mehr machen können. Aber damit kommen sie wohl klar. Sie kennen ihre Möglichkeiten und finden in diesen Grenzen ihr neues Glück. Keine trauert dem nach, was sie nicht mehr machen kann oder immer machen wollte. Sie sind mit dem zufrieden was da ist, was übrig bleibt. Das bewundere ich sehr. Ich versuche mir ein Beispiel daran zu nehmen. Genau das versuche ich zu sagen.

Wir haben heute alle Möglichkeiten, aber unsere Gesellschaft entwickelt Krankheiten wie Burn Out. Früher hatten die Leute ein klares Leben: Als Bauer geboren? Übernimm den Hof vom Vater und lebe als Bauer in deinem Dorf. Ok, nicht das geilste was man sich vorstellen kann... aber auch in diesen eingeschränkten und aussichtlosen Leben, konnte Leute ihr Glück finden.

 

Heute? Völlig egal wer deine Eltern sind, woher du kommst ... bla bla bla... werde das neue Top Model! Ok, dein Vater hat eine Kanzlei aber du willst Hunde frisieren? Läuft. Daddy enterbt dich und deine Mutter versteht dich nicht, aber das könntest du trotzdem machen.

Und wegen diesen ganzen Möglichkeiten, zumindest für uns Otto Normalverbraucher, wissen wir nicht mehr was wir machen sollen. Ich weiß es auch nicht. Ich weiß gerade nur, dass ich keinen Alkohol mehr trinken werde. Und das ist doch schon mal was.

Ob ich nach der Therapie einen Vollzeitjob mit Teilzeit- Weiterbildung, oder Vollzeit-Weiterbildung mit Nebenjob oder nur Vollzeit Job ohne Weiterbildung, alles in Köln oder doch direkt nach Ennepetal, als Hausmann oder in der Firma von meinem Freund oder doch wo anders.... das weiß ich nicht. Das Sind auch viele viele Möglichkeiten und theoretische Kombinationen.

Ich weiß auch, was ich nicht will. Diese Liste ist einfacher zu füllen als umgekehrt. Wenn ich weiß, was ich nicht will, kann ich schon mal filtern. Wenn ich dann noch weiß, was ich kann und nicht kann, kommen wir der Sache näher. Da wir so viele Möglichkeiten haben, müssen wir lernen, wie wir die Liste an Optionen möglichst klein halten können, um den Überblick zu behalten. Ob wir einer Richtung folgen oder auf ein Ziel ansteuern wollen sei nochmal dahin gestellt.

 

Ich hätte ein Ziel: ich möchte einen Garten in dem ich viel Gemüse und Obst anpflanzen kann, und Landschildkröten sollen dort leben können. Zusätzlich mit Terrasse, um zu zweit oder mit Freunden und Familie dort aufgelassene Feste zu feiern.

 

Da wird mir doch einiges klar:

mit meiner 30m2- Wohnung und Hinterhof-Waschbeton-Terrasse läuft das nicht. Einen Schreber-Garten möchte ich nicht, in Köln sind die meistens an Hauptstraßen oder Bahngleisen. Ein Haus mit Garten in oder um Köln? Entweder nicht zu bezahlen oder ab vom Schuss. Zumal mein Freund so oder so in Ennepetal arbeiten und wohnen muss. Da lohnt sich kein Haus für mich in Köln. Also liegt es doch äußerst nah mich da für den Zusammenzug zu entscheiden, oder? Ich denke schon.

 

Dann ist jetzt nur noch die Frage: wann? Natürlich nach der Therapie. Und ggf. sogar nach Karneval. Denn ich habe noch keinen Kölner Karneval, als in Köln lebender Schwuler, nüchtern mitgemacht. Muss ich das gemacht haben? Das kann ich doch auch wenn ich schon in EN leben würde.

 

Möglichkeiten über Möglichkeiten ☺ 

 



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