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und weiter im Text

 

Was für ein Tag. Die Kommunikation mit meinem Schatz begann heute Morgen gegen 6:00h via Whatsapp. Mittlerweile ist es 13:20h. Zwischendurch wurde telefoniert. Enttäuschungen und Rechtfertigungen ausgetauscht, geweint, sich beruhigt, erste Bruchstücke schriftlich festgehalten, wieder telefoniert. Seit 11h schreibe ich meine Gedanken auf. Das Buch scheint langsam wirklich zum Buch zu werden ☺ Jedenfalls habe ich mir den Tag anders vorgestellt. Ich wollte früh loslegen. Ich bin um 5:30h aufgestanden, habe Kaffee getrunken und meinen Tag durchgeplant. Erst wollte ich gestalterisch weiter am Flyer für die Selbsthilfegruppe arbeiten. Dann 1-2 Stunden spazieren bevor es wieder über 30°Grad werden. Wäsche machen, aufräumen, staubsaugen, spülen, Nägel machen, den Bart stutzen, nach Jobs recherchieren, einem Freund meine Rosmarin- Pflanze vorbeibringen, dringend sonnen weil ich wieder blass werde, mich um Überweisungen kümmern, einkaufen, vernünftig kochen und wenn es heut Abend nach der Selbsthilfegruppe kühler ist entweder laufen oder nochmal spazieren gehen.

 

Meine Motivation ist merklich in den Keller gerutscht. Aber da ja erst Mittwoch ist, kann ich meinen Plan auch in den nächsten 24 Stunden umsetzen, statt in den letzten sechs. Das zieht mich mal wieder runter. Eigentlich wollte ich aktiv und frohen Mutes den Vormittag meistern und mich mit einem Sonnenbad belohnen. Stattdessen gab es Unmut und ich hab mir tiefe Augenringe geheult. Außerdem trage ich immer noch meine Jogginghose und habe viel zu viel geraucht. Alles Punkte die ich ändern wollte. Doch den Arsch kriege ich jetzt nicht mehr hoch. Zumindest tippe ich diese Zeilen. In letzter Zeit habe ich wenig hier festgehalten. Natürlich kann ich die eskalierte Situation insofern positiv betrachten, dass sie mich ein Stück weiter in Richtung Selbsterkenntnis gebracht hat. Ohne diese harte Konfrontation, wäre ich sicher gerade nicht so ehrlich zu mir und meinem Freund.

 

Trotzdem schlaucht es ganz schön. Und auf Grund der letzten Erkenntnisse sehe ich, was meine Ziele sind. Das Thema Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind mir nicht unbekannt. Nur geraten sie in den Hintergrund, wenn ich mich mit Arbeit versuche abzulenken. Eventuell war diese Auseinandersetzung wirklich nötig, um mich wieder mit mir zu beschäftigen, statt immer wieder Ablenkungen zu suchen und die Wartezeit zu überbrücken. Ein paar Tage missmutig sein, bringen als auch was. Am Ende scheint doch immer wieder die Sonne. Egal wie lange es regnet. Oder: wenn es bewölkt ist, folgt meist Regen... (um bei der Wetter-Metapher zu bleiben) ☺ aber danach klart es auf und die Sonne kommt zum Vorschein.

 

Was also tun? Brauche ich eine Beschäftigung bis die Therapie beginnt? Oder habe ich mit Selbsterkenntnis, Selbsthilfegruppe, Ehrenamt und Haushalt genug Punkte auf meiner To-Do-Liste, um langsam wieder Gas zu geben?

 

Langsam verstehe ich die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe. Es gibt oft Themen bezüglich viel Freizeit oder Einsamkeit. Manchen fällt die Decke auf den Kopf. Mir auch ab einer gewissen Zeit. Kein Wunder das man da früher zur Flasche gegriffen hat. Angetrunken gelangweilt zu sein ist doch viel besser gewesen. Die Gedanken schweifen dahin, man träumt sich dies und das... und oft kommen dann alte Gedanken, Gefühle und Missmut auf. Sofort ist man in der alten Situation und ärgert sich. Wird wütend oder traurig und trinkt mehr. Bis die fünfte oder sechste Flasche geöffnet wird. Ab dann ist alles nur noch verschwommen. Wie

man auf welches Thema gekommen ist, weiß man nicht mehr. Warum man wieder betrunken ist auch nicht. Nur noch zwei Möglichkeiten: schlafen, weiter trinken oder doch noch irgendwas machen, was ich mich nüchtern nicht getraut habe? „Oh, das waren drei... naja, macht ja nichts. Betrunken kümmert es mich nicht. Ich bin sorgenfrei.“

 

Dieser Gedanke ist, Gott sei Dank, nicht mehr verführerisch für mich. Das möchte ich nicht. Was mir sehr geholfen hat, ist die Idee vom „ersten Getränk“ oder dem ersten Schluck, der ersten Flasche. Es geht nicht darum sich zu betrinken oder nie wieder etwas zu trinken. Es geht darum heute nichts zu trinken. Nicht das erste Getränk, die erste Flasche, den ersten Schluck zu nehmen. Ich brauche mir keine Sorgen um jene oder andere kommende Situation zu machen. Ich habe vor heute nichts zu trinken. Mir nicht die erste Flasche zu öffnen. Damit kann ich für mich, aktuell, sehr gut leben.

Natürlich gab es schon Situationen die ideal für einen Rückfall gewesen wären. Einmal der erste Banktermin mit meinem Freund vor ein paar Wochen. Das war äußerst stressig und wir waren tierisch von den Mitarbeitern genervt. Ich habe ihm gleich nach dem Termin gesagt, dass das genau so ein Punkt ist, an dem ich mir früher ein Bier aufgemacht hätte... bzw. damals auch gemacht habe.

Der zweite Moment war vor einer Stunde. Stress mit dem Freund. Ich habe enttäuscht. Er ist enttäuscht von mir, ich fühle mich missverstanden, verkannt, nicht ernst genommen und hilflos ausgeliefert. Bis 12 Uhr hätte ich gewartet und mir dann ein Bier aufgemacht. „Ist ja schon Mittag, das geht noch klar.“ Eventuell hätte ich an dem ersten Bier eine Stunde lang rumgetrunken. Ab 13h darf man doch schon was trinken, oder? Ist ja wie Wochenende. Spätestens jetzt um 14h hätte ich die dritte Flasche 0,5 l Kölsch versenkt. Da hier bei mir die Wirkung, auf nüchternen Magen wohlgemerkt, ordentlich eingesetzt hätte, hätte ich sicher nicht aufgehört. Oder ich würde als Alibi eine Pizza in mich stopfen, um was gegessen zu haben. Damit rechtfertigen sich die weiteren Biere. Ich würde einen elend langen Spaziergang machen. Mindestens einen Sonnenbrand bekommen oder sogar einen Sonnenstich. In kurzer Zeit wäre ich so hinüber, das ich entweder irgendwo draußen einschlafen würde oder, im besten Fall, zuhause versacken.

 

Ich würde das nicht als den oft genannten „Suchtdruck“ bezeichnen. Ich will kein Bier trinken. Ich weiß nur, wie ich früher reagiert hätte. Das Verlangen danach sehe ich nicht wirklich. Ich spüre zwar, dass mir die Situation nicht gefällt, aber ich weiß auch, dass sie mit Alkohol nichtbesser wird. Auch das erhoffte Ausblenden oder Betäuben möchte ich nicht. Zum einen würde ich mich dadurch enttäuschen und zum anderen meinen Freund. Ich weiß, in der Fachliteratur werden Rückfälle gebilligt... aber nur deshalb muss ich doch nicht absichtlich einen hervorrufen. Oder? Darf ich nach zwei Monaten Abstinenz absichtlich etwas trinken um kurzzeitig Entspannung zu erfahren? Darf ich mir das beantworten? Dürfen das andere? Ich würde jeweils nein sagen. Also nein zur angeblichen Entspannung. Ich sollte etwas anderes tun. Spazieren fällt flach. Draußen sind es

mittlerweile 33° Grad. Sport bei den Temperaturen fällt auch flach. Außerdem kann ich so nicht vor die Tür, ich muss mich dringend rasieren. Ich glaube ja keinen Druck zu haben... auch wenn ich mich hier gerade um Kopf und Kragen schreibe... Ich greife gleich zum alkoholfreien Bier. Ein Paulaner. Das steht noch seit letzter Woche im Kühlschrank, unangetastet. Viele sprechen sich gegen dieses Getränk aus, weil angeblich zu stark triggern soll. Auf der anderen Seite: vielleicht erzielt es ja auch einen Placebo-Effekt. Ich entspanne vielleicht. Komme auf andere Gedanken. Und das ohne Alkohol im Blut. Eventuell glaubt mein Gehirn vorerst ich hätte zum Bier gegriffen... aber nach einer Weile sollte es checken, dass sich kein Alkohol im Blut befindet... sozusagen umgekehrt ausgetrickst. Ich probiere es aus und berichte umgehend.

 

 

Einen Augenblick später

Eine skurrile Situation. Von meiner Terrasse aus, im Hinterhof des Hauses gelegen, hört man alles, was im Park gegenüber abläuft. Dort sitzen wohl hauptsächliches solche Alkoholiker von denen wir unsere Horror- Vorstellungen haben. Grölend, Lallend, verwahrlost, sich anblaffend, unkoordiniert. Ich sehe sie nicht. Ich höre nur zu während ich mein alkoholfreies Paulaner trinke. Stilgerecht im Weizenbierglas natürlich. Ich muss mich korrigieren: es ist ein Erdinger... egal, schmeckt ähnlich gut. Mittlerweile habe ich eher die Assoziation zu einem bitteren VitaMalz als zu einem alkoholfreiem Weizenbier. Obwohl nach dem ersten Aufstoßen ein wohlbekannter Geschmack/Geruch im Gaumen liegt.

In Verbindung mit der angespannten Situation, ein äußerst bekannter Moment. Fühle ich mich schon leicht schuldig? Fühle ich mich als hätte ich einen Rückfall? Dem Drang nachgegeben? Eigentlich doch nicht. Es handelt sich ja nicht um Alkohol. Und das alkoholisierte Gefühl wird nicht aufkommen können. Die bekannte Erleichterung wird nicht so einsetzen können wie gewohnt. Es wird nicht zum Kontrollverlust kommen können. Also kann auch kein Kater folgen. Wieso sollte ein schlechtes Gewissen einsetzen? Rede ich mir das ein? Oder gebe ich mir Recht? Warum ziehe ich mir eine „ordentliche“ kurze Hose an? Wenn jemand in den Hof kommen sollte und mich in Jogginghose Bier trinken sieht... da denkt man doch sofort... aber in „normaler“ Hose könnte ich sagen ich hätte Urlaub und gönne mir was... idiotisch. Egal in welcher Hose. Es ist 14:15h, jeder „normale“ säße im Büro und nicht zuhause mit einem Weizen in der Hand. Egal ob mit ohne Alkohol... und selbst wenn man Urlaub hätte... dann ist es immer noch viertel nach zwei an einem Mittwoch.

Also diese Gedankenspiele kenne ich aus meiner „Trinkerkarriere“. Das verheimlichen oder das Muster zum Vertuschen kommt schon mal wieder auf. Trinke ich das Bier jetzt in der Wohnung oder draußen? Was solls. Das hier ist ein Experiment für meine Leser ☺ Ich muss auf den Hof und schauen was mit mir passiert. Alles für den Dackel, alles für den Club!

 

 

Eine halbe Stunde später

Ich glaube für kurze Zeit wollte mein Gehirn meine Wahrnehmung so verändern, wie es mit Alkohol gewesen

wäre. Eventuell liegt es an der Hitze, den Pollen oder allgemein meinem Kreislauf, aber ich könnte mir denken, dass da biochemisch der Prozess des Alkoholisiert-seins versucht wurde anzustoßen... nur dann eben nicht, weil ja doch kein Alkohol im Blut ist. Ich werde es weiter beobachten. Aber ich glaube mich etwas entspannter zu fühlen. Auch wenn ich mir damit etwas vorgemacht habe. Aber die Zeilen tippen sich gerade nicht so krampfhaft und energisch wie vor dem Kaltgetränk ☺Am Anfang hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Ich hatte das Gefühl ich würde etwas verbotenes tun. Kurzfristig so, als wäre es ein „echtes“ Bier gewesen und ich hintergehe mich und das Vertrauen meines Freundes. Als hätte ich aufgegeben oder nachgegeben. Aber dann kam wohl die Erkenntnis, dass es ja kein Alkohol ist, und die Anspannung hat nachgelassen. Natürlich habe ich auch tief durchgeatmet und geraucht etc., meine Gedanken gelöst, einen Artikel auf Facebook gelesen und mich mit etwas anderem beschäftigt. Wäre sicher auch ohne das Getränk passiert.

Wie dem auch sei. Ich gehe dem ganzen jetzt etwas wertfreier entgegen. Ich habe erkannt, dass ich noch sehr unsicher bin. Auch, dass ich heute das Haus noch nicht verlassen habe... mittlerweile sind es zehn Stunden. Ich werde mich jetzt rasieren, duschen und mich Richtung Selbsthilfegruppe bewegen. Ich sollte mich nicht davon runterziehen lassen, dass ich meine Tagesplanung nicht einhalten konnte. Dafür kamen unvorhergesehen wichtigere Themen zum Vorschein. Und was ist wichtiger als mein Wohlergehen? Also, weiter frohen Mutes voran.

 

 

17:00 Uhr

Schon wieder scheue ich davor das Haus zu verlassen. Am liebsten würde ich mich mit Chips eindecken und ins Sofa verkriechen. Ich weiß dass mir draußen nichts passiert. Trotzdem werden meine „Ängste“ in der Öffentlichkeit wieder aktiver als vorher. Klar, ich bin nicht mit Alkohol betäubt... und die „Ängste“ hab ich nie als solche behandelt. Im alkoholisiertem Zustand war das kein Problem. „Ist doch egal, ich hab meine Flasche, und das nächste Kiosk ist nicht weit.“ So hab ich mich von Kiosk zu Kiosk gehangelt bis ich da war wo ich hin wollte... Jetzt büße ich dafür, dass ich das alles über diese lange Zeit ausgeblendet habe. Als wäre 2008 und ich muss alleine durch Köln. Ich glaube ich fange an zu schwitzen... am liebsten würde ich mit Sonnenbrille los gehen. Zumindest nur am Anfang bis ich mich wieder beruhigt habe... was spricht dagegen? Wo ist der Unterschied zu letzter Woche? Klar, ich hatte heute ein harte Situation, die mich zurückgeworfen hat. Das ist mir alles bewusst. Nur komme ich grad nicht aus meiner Haut.

 

So ein Mist. Also, Bauch rein, Brust raus, Sonnenbrille auf und vor die Tür. Zufuß! Nicht in der Bahn verstecken. Ob ich die Rheinpromenade, an der Altstadt vorbei gehe, weiß ich noch nicht. Wird sicher nur halb so wild. Ich zittere leicht. Ich glaube ich mach mich verrückter als ich eigentlich wäre oder letzte Woche war. Unglaublich wie dieser Zwischenfall mich aus der Bahn geworfen hat. Da muss ich jetzt durch. Morgen sieht es schon wieder anders aus.

 

 

21:10 Uhr

Da bin ich wieder. Natürlich habe meine Sonnenbrille vergessen. Also musste ich ohne mein „Schutzschild“ durch die Stadt. Aber es geklappt. Etwas Erleichterung hat sich breit gemacht. Es war gut bei der Selbsthilfegruppe gewesen zu sein. Wieder mal ☺ Den Heimweg habe ich mir einem VitaMalz erleichtert. Ja ich weiß, die Flasche galt als Ersatz. Aber heute brauch ich das noch. Auch wenn es kein Alkohol ist, hat es glaube ein wenig unterstützt.

Morgen sollte ich mich wieder besser im Griff haben. Ich merke, dass meine alten Ängste wieder da sind. Von einen auf den anderen Tag. Ohne sich anzuschleichen. Von null auf hundert. Aber ich glaube tiefer kann ich gerade nicht versacken. Daher schaue ich positiv nach vorne. Nach diesem Absturz kann es nur Berg auf gehen. Und wenn ich darüber geschlafen habe, sollte es wieder besser laufen. Schlaf soll ja auch ein gutes Heilmittel sein. Mein Akku scheint sich in kürzester Zeit geleert zu haben. Und der psychische Rückschlag war nicht ohne. Nach der glanzvollen Euphorie zu Beginn der Abstinenz kam ein Loch. Ok, davon habe ich bereits gelesen. Also nochmal. Nicht verzagen, drüber sprechen. Nicht in mich fressen. Meinen Partner involvieren und hoffnungsvoll Richtung Therapie blicken.

 

Ende aus für heute.

Ich habe mich leer gedacht und leer geschrieben ☺ 

drüber schalfen.

Morgen in alter Frische neu ans Werk

☺ 



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