· 

Einschub und Zeitreise

Dopamin und Co... ein wichtiges Thema, das ich noch behandeln möchte. Ein Schnaps, in meinen Fall 1-2-3 Bier, führt zu einer erhöhten Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin, einem der wichtigen Neurotransmitter. Die Folge: man entwickelt Verlangen nach mehr Alkohol. Und nach einiger Zeit verbindet der Körper den Alkohol mit einem Glücksgefühl. Die Psyche verbindet an- oder betrunken zu sein, mit einem schönen, guten und glücklichen Zustand. Und wir wollen ja glücklich sein. Ein kleines Stück Glück in jedem Schluck. Und schwups haben wir eine Abhängigkeit von der wir selbst gar nichts mitbekommen. Und je mehr Alkohol fließt, desto mehr gewöhnt sich der Körper an diesen Zustand. Und auch wenn wir „über den Durst“ trinken und ggf. einen Kater davon tragen, ggf. trotzdem geweint oder geflucht haben, erinnert sich der Körper an die glücklichen Momente vor dem Absturtz.

 

An das gute Gefühl nach den ersten Gläsern. Deshalb bemerken wir gar nicht, dass wir zu viel trinken. Für den Körper ändert sich nichts. Unsere Synapsen verändern sich nach einiger Zeit. Sie wollen mehr Dopamin. Das wird großartig in Daniel Schreibers Buch „nüchtern“ beschrieben. Ich versuche es zu formulieren. Trotzdem möchte ich jedem dieses Buch ans Herz legen. Die Wirkung von Dopamin bei Drogen wie Kokain ist wohl ausreichend geklärt. Bei Alkohol soll es aber um einiges komplizierter sein. Unser Belohnungssystem und unser Lustzentrum sind mit vielen Arealen unseres Gehirns verbunden. So kommt es mit Alkohol zu einer Kettenreaktion schweren Konsequenzen. Unser Wohlbefinden, unsere Gedächtnisleistung, unsere Impulsivität, die Selbstwahrnehmung, und und und... Unser gesamtes System wird eingenommen und wir bemerken es nicht. Die Abhängigkeit ist den meisten nicht bewusst. Eventuell weiß man aber, dass man ungehemmter ist, eher auf Leute zu geht. Sich mehr traut, alleine auf eine Party geht, in die Sauna. Sich Platz im Kopf macht. Abstand vom Job, dem Alltag, einer komplizierten Beziehung oder dem Alleinsein macht. Man weiß, dass man nach 1-2 Gläsern entspannt ist. Das weiß der Körper und das Unterbewusstsein auch. Das ist das gefährliche. Und hier haben wir eine Abhängigkeit. Eine Sucht nach Ruhe und Entspannung. Das sollte man versuchen mit Meditation oder zu Yoga zu bekommen. Einem langen Spaziergang. Ein Gespräch mit Freunden. Nicht mit Alkohol. Hier muss das Gehirn lernen, dass es den Alkohol nicht braucht um glücklich zu sein. Aber das wird es nicht. Und Gehirn vergisst so etwas nicht. Genau wie das Fahrradfahren.

 

 

Sobald wir wieder trinken, geht das Spiel von vorne los. „Bei einem Bier passiert ja nichts. Jeden Tag nur ein Glas. Kein Problem. Aber nach und nach wird es mehr. Und wir merken es nicht. Unser Umfeld schon. Spreche ich jemanden auf meinen Alkoholkonsum der letzten Jahre an, schlackern mir die Ohren. Ich häte nie gedacht, dass mein Umfeld so gut Bescheid weiß. Oft mehr als ich selbst. Daher gilt es, das Gehirn mit neuen Dingen zu belohnen. Neue Anreize schaffen. Das können wir. Dazu sind wir in der Lage. Darum ist unser Hirn so toll ☺ Natürlich hat das Gehirn gelernt und gespeichert, wie es auf Alkohol reagiert. Aber ebenso gut kann es lernen und speichern, wie es auf neue Dinge reagieren soll und dass das auch glücklich macht.

Ich rede mich nicht von schlechten Tagen frei. In den letzten zwei Tagen war ich nicht sonderlich gut drauf. Aber das war auch ok. Das Wetter war überhaupt nicht sommerlich. Ich hatte nicht mehr Geld auf dem Konto. Ich war aufgeregt bzgl. Der Planung meiner Geburtstagsparty... ob alles klappt, alle kommen, es genug zu essen geben wird etc... und nach kurzer Zeit war meine to-do-Liste für den Tag abgearbeitet... und ich wusste nichts mehr mit mir anzufangen. Zu regnerisch für einen Spaziergang. Zu früh um Freunde zu treffen. Aber das ist auch ok. Ich darf mich auch mal nicht großartig fühlen. Das hat seine Zeit und Daseinsberechtigung und es geht auch wieder vorbei.

Und wenn ich mir dessen bewusst bin, geht es mir schon wieder etwas besser.

 

 

Einschub

Resultat Arbeitsamt und weitere Vorgehensweise

Nix neues von der Front. Das Arbeitsamt hat wenig Ahnung. Ich werde jedenfalls fürs Arbeitslosengeld abgemeldet und erhalte während der Reha/ Langzeittherapie „Übergangsgeld“. Danach erhalte ich ggf. wieder Arbeitslosengeld. Ob meine Weiterbildung gefördert wird, weiß man noch nicht 100%ig da es sich um eine Aufstiegsweiterbildung handelt... aber das alles wird auch erst nach der Reha besprochen. Also alles auf Eis gelegt... erst mal die Therapie, dann sehen wir weiter.

Aber wo war ich? Eigentlich in 2010. Bei der HIV- Ansteckung. Mitte 2010 stand fest, dass ich HIV positiv bin. Bleibe. Ende 2011 fing dann eine Therapie mit Tabletten an, um die Viruslast im Blut niedrig zu halten. So hatte das Immunsystem weniger zu tun und konnte sich erholen. Also eigentlich alles gut. So konnte es weiter gehen. Viel gibt’s glaube ich dazu nicht zu schreiben. Bzw. werde ich zu einem späteren Zeitpunkt eventuell darauf zurück kommen :)

 

 

Anfang Juni

Meine 30.GeburtstagsParty war super.

Wichtiger ist allerdings: Mittlerweile hat mein Hausarzt die nötigen Unterlagen an die Suchtberatung weitergeleitet... zwar später als gedacht, aber immerhin. Jetzt nur noch 2-3 Wochen bis zur Bewilligung und 2-3 Wochen Wartezeit auf einen Platz in Porz... so die Theorie.

 

Das mein Zeitfenster sich dadurch weiter verschiebt, interessiert mal wieder keinen, oder? Ich warte äußerst ungerne... und dieser Stillstand regt mich auf. Somit komme ich nicht weiter in Richtung Weiterbildung oder Nebenjob oder Vollzeitjob. Was soll ich mich bewerben, wenn ich noch nicht weiß wann ich wo sein werde und wie lange?

 

 

Zeitreise... drei Wochen weiter

Die Unterlagen vom Hausarzt sind immer noch nicht bei der Ambulanz angekommen. Drei Wochen? Für drei DIN A Blätter per Post? WTF!? Das regt mich auf. Ich sitze hier, warte, verzweifle fast. Das ist schon nahezu verantwortungslos. Ich will eine Therapie machen. Und es hapert dran, dass ein kleiner Brief nicht per Post angekommen ist? Schon mal was vom Fax gehört? Oder nochmal versenden? Oder mich die Unterlagen abholen lassen? Leute Leute Leute, schlimmer als im Mittelalter. Soll ich in der Zwischenzeit kalt duschen oder mich mit der Bibel befassen? Unglaublich wie man hängen gelassen werden kann. Vom eigenen Arzt. „Wir haben es los geschickt, ich weiß auch nicht woran es liegt“. Ja gut, das heißt aber nicht dass ihr die Verantwortung an die Post übergeben habt. Dann druckt die Unterlagen aus und schickt n Kurier. Oder lasst mich es abholen oder einscannen und per Mail schicken. Unglaublich. Ich könnte schon in der Entspannungstherapie sitzen. Stattdessen tippe ich energisch hier in die Tasten ☺ So wird das dieses Jahr nix mit der Weiterbildung! Ich rasste aus. Da weiß ich endlich wo mein Problem ist, und keine hilft einem. Hat wohl niemand Interesse dran, dass ich zeitnah wieder auf die Spur komme. Vielleicht noch Lust auf einen Rückfall wegen Stress und Verzweiflung? Mann Leute! Haut mal rein!

 

Wie lenke ich mich jetzt ab? Hab ich schon von der Hörwiese erzählt? Was das ist und was ich da mache?

Also, seit Mitte 2015 mach ich bei nem Verein mit. Ehrenamtlich. Der Verein produziert jeden Monat eine Audio-CD. 80 Minuten lang hört man verschiedenste Beiträge. Aktuelles Zeitgeschehen, saisonale Tipps, diverse Berichte, so ähnlich wie man sie aus der Apothekenumschau kennt. Ab und zu aber auch etwas moderner :) Diese CDs gehen jedenfals an blinde und sehbehinderte Menschen. Das fand ich toll. Und die Tätigkeit passte zu mir. Ich wollte souveräner sein. Stimmlich stärker werden. Zum damaligen Job passte das, da ich viel mehr Präsentationen halten musste oder Telefonkonferenzen führen sollte. Also sollte die Sprecher-Arbeit doch was bewirken, oder? Und der halbe Freundeskreis meines damaligen Freunds war am Start. Also auch noch sozial gut eingebunden :) Perfekt. Das mache ich dann, nach Möglichkeit, jeden Dienstag. Nach einiger Zeit habe ich auch was redaktionelles übernommen und auch hier und da mal Beiträge geschnitten. Dann auch mal, zur Aushilfe für zwei drei Monate, ganze Sendungen... Was mir am besten gefallen hat? Dass ich nach einiger Zeit einen Unterschied gemerkt habe. Ich wurde stellenweise echt sicherer im Sprechen. Und meine Stimme ging auch mal tiefer :)

Sehr schön.

 

Was noch so? Die Selbsthilfegruppe, ja.

Die Selbsthilfegruppe möchte ich gerne etwas weiter ausführen. Warum brauchen Schwule auch noch eine Schwule Selbsthilfegruppe? Müssen die sich schon wieder ausgrenzen? Warum brauchen die eine Extrawurst? Das kann ich euch sagen. Weil die Heten zu verklemmt nicht aufgeklärt sind! Zumindest wissen sie nicht Bescheid über das, was bei uns abgeht. Doppelte Stigmatisierung sag ich da nur: Homosexualität & Sucht. Darüber hat der SHALK Vorstand auch schon referiert. Es gibt einen Unterschied zu „normalen“ Suchtselbsthilfegruppen. Sogar hier, wo schon eine Minderheit zusammenkommt, sprachen viele Betroffene von Diskriminierungserfahrungen. Das wir unsere eigene Sexualität auch in der Selbsthilfegruppe von SHALK jederzeit zum Thema machen können, ist nicht normal. Es wurde immer schnell deutlich, dass über Sexualität, in den meisten Suchtselbsthilfegruppen, nicht gesprochen wird. Selbst ein Gespräch über Homosexualität wäre in einigen Gruppen nur schwer denkbar, erst recht nicht über HIV und Aids. Chemsex ist bei allen Teilnehmern unbekannt, zumindest bei den Alkoholikern. Und ich hätte wenig Lust in einer “normalen” Gruppe immer erklären zu müssen, was was ist oder bedeutet oder ob man “das so als Schwuler macht”. Aus diesen Fragen bin ich rausgewachsen. Und ich dachte die Gesellschaft wäre es auch. Es gibt doch nichts schlimmeres als die Frage: Wer ist bei euch denn die Frau? Also du liegst unten? Was ist ein Cockring, ein Plug oder Poppers? Darum brauche ich eine schwule Selbsthilfegruppe. Und darum finde ich das Jobangebot von SHALK nicht schlecht. Vielleicht ist da noch mehr als Flyergestaltung möglich.

 

Wir werden sehen. 

 



Kommentar schreiben

Kommentare: 0