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10 Tage später

Letzten Mittwoch ist ein bestelltes Buch angekommen. Von Daniel Schreiber „nüchtern“. Wirklich zu empfehlen! Ich habe es verschlungen. Mit etwas Unterbrechung hatte ich es nach vier Tagen durch. Die Knapp 150 Seiten lasen sich wie nix. Abgesehen von seinen eigenen Erfahrungen, werden hier wird auch stark die medizinischen Aspekte beleuchtet. Ein Wissen das ich selbst nicht habe und mir bisher auch nur teilweise erlesen habe. Im Buch wird es verständlich dargestellt und mir wird mehr und mehr bewusst wie meine weiteren Schritte aussehen könnten und welche Hürden ich noch zu meistern habe.

 

 

Ein wichtiger Ansatz der von Daniel Schreiber angesprochen wird, ist der, sich nicht vorzunehmen, nie wieder zu trinken. Im eigentlichen Sinne schon, nur dass man sich das nicht vornimmt. Es geht nur um einen Tag

nicht trinken. Heute nicht trinken. Morgen ist morgen und darum kümmert man sich morgen. Ebenso geht es nicht um all das was man trinken könnte. Nicht um die Mengen an Alkohol die man sich einflößen würde. Oder, wenn man noch nicht trocken ist, geht es nicht darum, wann das „letzte Glas“ getrunken wird. Hier geht es nur darum das „erste Glas“ nicht zu trinken. Sehr simpel, aber es könnte für mich klappen. Mir selbst sagen „ich trinke heute nicht. Ich trinke jetzt nicht. Ich trinke nicht das erste Glas“, und das sage ich mir dann jeden Tag aufs neue. Ich muss nicht Wochen, Monate, Jahre, bis an Lebensende planen und denken und mir ausmalen wie ich auf welchen Partys nicht trinken darf und werde. Es geht nur um heute. Heute nicht das erste Glas trinken. Für mich entspannt sich dadurch die Situation ungemein. Zumal für mich „ein Glas“ nicht reichen würde, um den gewollten Effekt zu erreichen. Da müssten mindestens drei Flaschen Bier kommen, damit ich mein wohliges, beruhigendes Gefühl im Kopf verspüre. Die Anspannung nachlässt. Ich mich gut und unbesiegbar oder sorglos und zufrieden fühle. Aber es geht nicht um die drei Flaschen. Es geht um den ersten griff zum Alkohol. Um den muss ich mich kümmern. Und nur um heute Abend. Klingt ziemlich naiv... aber das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Wie geht es weiter? Nachdem ich das Buch fertig hatte, löste ich mein Geburtstagsgeschenk ein: ein Tandemsprung. Unglaublich. Ein regelrecht atemraubendes Erlebnis. Ich werde es auf jeden Fall wieder tun ☺ Natürlich war ich überhaupt nicht nervös ☺ Aber in den letzten Sekunden, bevor es in die Propellermaschine ging, fingen meine Knie an weich zu werden. Ich begann zu schwitzen. Zu zittern. Die Maschine hob ab und innerhalb wenigen Minuten saß ich vor der offenen Tür des Flugzeugs. Vor mir ein wundervoller Ausblick über eine weiße Wolkendecke. Kaum eine Sekunde später rückte mein Tandem-Master (so wohl der Fachbegriff) nach vorne und wir waren im freien Fall. Mit rund 200 km/h rasten wir durch eine Wolke. Ich bin mir sicher, dass die Wolke salzig geschmeckt hat. Schade, ich dachte sie wären aus Zuckerwatte ☺ Kaum aus der Wolke rausgeschossen, sah ich den Grund. Sicher noch knapp drei Kilometer entfernt. Alles war ganz winzig. Kleine Felder, kleine Gebäude. Eine tolle Aussicht. Das Runter-Gleiten war wirklich herrlich. In gefühlter Schrittgeschwindigkeit glitten wir gen Landebahn. Ein großartiges Erlebnis, das ich jedem der körperlich dazu in der Lage ist, ans Herz legen möchte.

 

Jedenfalls. Die Unterlagen, die mein Hausarzt noch zur Beantragung der Langzeittherapie ausfüllen sollte, sind ausgefüllt und auf dem Weg an meine Suchtambulanz- Beraterin. Ab jetzt also noch 2-3 Wochen zur Bewilligung. Dann noch 2-3 Wochen auf der Warteliste der Reha- Sucht. Und dann heißt es für 12-15 Wochen, fünf Tage die Woche, von halb Neun bis halb Fünf: Therapie. Mich therapieren. Mich um mich kümmern. Intensiv.

Da mein erstes Buch schon durch ist, folgte das zweite: „Jetzt ist es genug! Leben ohne Alkohol“ von Viktor Sommer. Ich bin gespannt und werde berichten sobald ich durch bin.

 

Die Geburtstagsparty steht an. Am Samstag kommen rund 40 Freunde (inkl. Anhang), um auf mich anzustoßen. Toll. Und das ohne Alkohol. Also, für mich. Die Leute sollen trinken ☺

 

Eigentlich wissen jetzt alle im inneren Kreis Bescheid. Hier und da gibt es noch unwissende, aber mit denen werde ich dann am Samstag vor Ort sprechen. Die meisten Leute sind aber über die beantragte Langzeittherapie informiert. Daher sehe ich kein Problem auf mich zukommen. Zumal mein Freund auch nicht trinken wird. Er ist wirklich ein Schatz. Und niemand auf der Party wird so assi sein und mir was zu trinken anbieten. Ich glaube die sind alle mittlerweile recht erwachsen geworden ☺ ich hoffe es zumindest. Wir werden sehen.

Heute steht mein wichtigstes Gespräch an: Arbeitsamt. Vor drei Wochen hätte ich dieses Gespräch ja eigentlich gehabt, doch die Beraterin war wohl krank. Heute geht’s um die Wurst. Ich muss wissen, ob ich während der Therapie noch Arbeitslosengeld bekomme. Ob mir die geplante Weiterbildung finanziert wird, oder ob ich einen Förderungsantrag stellen muss, oder ob ich die Weiterbildung nur in Teilzeit machen kann und ab nach der Therapie, also ca. ab November, einen neuen festen Job brauche. Diese Fragen beschäftigen mich schon seit Wochen. Und wäre die Beraterin beim letzten vereinbarten Termin da gewesen, wüsste ich es schon. Ich bin sooooooooooo ungeduldig. Sogar beim Schreiben merke ich wir energisch ich in die Tasten haue bei diesem Thema ☺ Ich erhoffe mir gleich alles Wichtige zu erfahren, um meine Schritte nach dem Aufenthalt in der Reha planen zu können. Ich liebe es zu planen. Und ich kann es nicht ausstehen, wenn ich planen will, mir

aber wichtige Fakten fehlen und ich nicht weiter planen kann.

 

An dieser Stelle weiß ich also nicht weiter. Aber mein Plan, mein verfolgtes Ziel steht fest:

Erst die Therapie, dann die Weiterbildung, dann zurück in den Job. Ggf. zwischen Therapie und Weiterbildung eine Nebentätigkeit falls die Lücke zu groß wird.

Im neuen Job oder während der Weiterbildung schaue ich mal, ob ich mit dem Rauchen aufhören will. Oder ich warte noch bis ich einen neuen Job habe.

 

Mit der Zigarette klappt es für mich noch nicht so gut wie mit dem Alkohol.

Von wegen „erstes Glas“ und „nur heute“.


Nur heute die erste/nächste Zigarette nicht rauchen? Das kann ich noch nicht mit mir vereinbaren. Diese alte, schlechte Gewohnheit steckt noch zu tief in mir drin. Und mir fällt aktuell keine neue, gute Gewohnheit ein, mit der ich sie austauschen könnte. Mit dem Alkohol geht es leichter, sehr sogar. Schließlich gibt es soooooo
viele andere Getränke in denen kein Alkohol ist ☺ unglaublich oder? ☺ wer hätte das gedacht. Früher ging es nur ums Wasser-Trinken und Alkohol-Trinken. Jetzt gibt es mehr. Und sollte das in Zukunft nicht reichen, gibt es noch so viele andere gute Angewohnheiten wie Lauf-Sport, kochen, spazieren gehen und und und...

Aber für die Zigarette? Klar, ich könnte mich mit dem Handy ablenken. Aber die Suchtverlagerung

sollte nicht von einer schlechten Gewohnheit in eine andere übergehen. Eventuell wäre diese nicht soooo gesundheitsgefährdend... aber immer noch nicht besonders gut.

 

Aber alles zu seiner Zeit und Schritt für Schritt. Erst mal der Alkohol und meine psychischen Belange. Dann die Weiterbildung. Dann der Job. Denn mit dem Rauchen aufhören kann ich ja jederzeit ☺ Es gibt ja selten einen schlechten Zeitpunkt um sich von einer schlechten Gewohnheit zu verabschieden.

 

But you were always on my mind
You were always on my mind
Tell me, tell me that your sweet love hasn’t died Give me, give me one more chance
To keep you satisfied
I’ll keep you satisfied

(Pet Shop Boys) 



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