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Wenn Gedanken Berge versetzen

Nachklang: nach diesem schriftlichen Wutanfall von neulich ☺

 

Mein Freund schrieb mir eben, er sei froh in der Selbsthilfegruppe sagen zu können, dass er mit einem Alkoholiker zusammen ist.

Das möchte ich nicht. Klar, er soll froh sein. Aber er soll froh sein, dass ich vorhabe nichts mehr zu trinken! Bzw. dass ich nichts mehr trinke. Punkt. Und dann bald, dass es nur noch heißt: er trinkt keinen Alkohol.

Meine Lust auf Alkohol soll gleich zu stellen sein mit meiner Lust Orangensaft zu trinken. Ich kann natürlich Orangensaft trinken. Ich bin dazu in der Lage. Körperlich wie auch geistig ☺ Aber ich habe kein Verlangen danach. Nie. Ich würde mir nie O-Saft bestellen, kaufen oder am Frühstücksbuffet nehmen. Nie. Nicht das er mir nicht schmeckt. Aber ich habe keine Lust drauf. Kein Verlangen. Oder kandierte Äpfel. Klar, sind lecker. Aber ich würde mir nie einen auf der Kirmes oder sonst wo kaufen. Und so sehe ich meine aktuelle Lust nach Alkohol. Und das soll er bald mal nachvollziehen können. Ich glaube ich lasse ihn mal bald diese Zeilen lesen, Ggf. versteht er dann warum ich mit diesen Begrifflichkeiten hadere.

Klar, im Allgemeinen würde man mich als Alkoholiker, alkoholkrank etc. beschreiben... aber eben im allgemeinen gebräuchlichen.

Aber ich, also ICH als Mensch bin doch nicht allgemein. Geschweige denn dass sich meine Befindlichkeit mit

 

einem gebräuchlichem Ausdruck formulieren lassen würde. Ich bin aktuell nicht dazu bereit mich in eine Schublade zu stecken. Ich lasse mir gerne helfen, lasse mir gerne die Augen öffnen und bin auch offen für alles andere. Ich werde ja auch in die sogenannte „Reha Sucht“ gehen. Weil man da den Grund fürs Trinken behandelt.

Nochmal: vielleicht bin ich tatsächlich nur: depressiv veranlagt, exzessiv, mit einem selbstzerstörerischem Hang und einer brutalen Selbstreflektion mir gegenüber. Überaus unsicher im Auftreten, Zweifel an mir, körperlich, von der Attraktivität her, vom Kleidungsstil her, ohne Selbstbewusstsein, nicht stolz auf mich, immer allen alles recht machend. Kein Vertrauen in mich oder in die Zukunft. Keinen Respekt oder Akzeptanz von irgendwelchen Personen mir gegenüber. Mobbing. Missverstanden werden. Einsam. Unzufrieden in der Beziehung oder Job. Mit finanziellen, existenziellen Sorgen... Habe dann zur Flasche gegriffen, um diesen Gedanken aus dem Weg zu gehen. Um mich für einen Moment besser zu fühlen. Sorglos. Für einen Moment zufrieden ohne Angst. Was dann aber durch den Alkohol umgeschlagen ist zu einem traurigen, wütenden, aggressiven, weinenden oder fluchenden etwas. Im schlimmsten Fall habe ich noch dämliche Sachen angestellt, einen Filmriss gehabt und am nächsten keine Ahnung aber ein schlechtes Gewissen mit Kater und Freunden oder Partnern vor denen ich mich dann geschämt habe und das Thema runtergespielt habe... in der Hoffnung das bald wieder alles gut wird. Es aber nicht wurde und wieder ein Bier am Kiosk geholt habe. Teufelskreis.

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und das alles ist unterm Strich mit der Bezeichnung „Alkoholiker“ abgetan? Ich bitte euch! Ohne besonders viel Ahnung sehe ich auf dieser Seite wo die Probleme liegen. Aber! Der Alkohol hat das alles nur noch schlimmer gemacht.

Was nicht heißen soll, dass ich keine Therapie brauche. Bzw. nicht dass ich nach der Therapie wieder trinken werde oder kann. Ich werde die Langzeit-Therapie machen. Auch danach zum Therapeuten und zur Selbsthilfegruppe gehen. Aber das Thema Alkohol ist ganz klar abgeschlossen. Kein Alkohol mehr. Egal wie gut oder schlecht es mir geht.

Noch ein Nachklang. Nach vier Tagen:
Nach längerer Diskussion mit meinem Freund, da er nämlich meint es wäre Verdrängung oder mangelnde Einsicht, haben sich meine Gedanken etwas gewandelt.

Ich bin immer noch der Meinung, dass Gedanken Berge versetzen können. Nur würde ich mich schon als „süchtig“ bezeichnen. Nicht jetzt gerade oder in diesem Moment. Aber wenn eine Situation, wie in der Vergangenheit, jetzt aufkäme, würde ich sicher zur Flasche greifen. Nicht wegen des Alkohols an sich. Eher um, wieder mal, die Situation auszublenden, zu betäuben, abzuschalten, um runter zu kommen. Und in diesem Moment, würde ich mich als süchtig bezeichnen. Süchtig nach der Betäubung. Süchtig nach Abstand zu solchen Situationen. Und da das allgemein als süchtig oder halt mit Alkohol als alkoholsüchtig beschrieben

wird, würde ich mich ebenso beschreiben. Das nehme ich an. Dazu stehe ich. Und wenn das alles, allgemein und für Fachleute, einen Alkoholiker beschreibt, würde ich mich als solchen beschreiben.

Natürlich ist jemand, der eine Allergie hat, Allergiker. Auch wenn er gerade keinen Ausschlag hat. Bei Alkoholismus handelt es sich um eine Krankheit. Betroffene sind dann Alkoholiker. Auch wenn wir mit diesem Begriff Personen beschreiben würden, die aktiv trinken und ihr Leben nicht oder nur halbwegs auf die Reihe kriegen. Wir sind Alkoholiker. Ob wir wollen oder nicht. Aber wenn uns das Wort nicht gefällt, kann man es auf viele Arten anders bezeichnen. Wenn wir glauben, bestimmte Leute würden mit dem Begriff nicht so umgehen können wie wir, oder ganz simpel, dass manche Leute einfach gestrickt sind, es nicht verstehen oder Vorurteile haben, dann müssen wir ihnen nicht zwangsweise unsere Welt erklären. Es bleibt wie es ist. Wir trinken keinen Alkohol mehr.

Trotzdem habe ich den Wunsch, nicht süchtig zu sein. Für die Zukunft und für meine aktuelle Situation. Alkohol soll in meinem Leben keine Rolle spielen. Ich werde keinen Alkohol mehr konsumieren. Und sollte ich in stressige Situationen kommen, will ich nicht in alte Muster verfallen. Die Werkzeuge dazu soll mir die Therapie bringen.

Und morgen werde ich 30.Eigentlich wird es nicht nur mein 30. Geburtstag – sondern ein erster Geburtstag. Mein erstes Lebensjahr ohne Alkohol (ausgenommen

 

natürlich die ersten 14-18 Jahre... aber das versteht sich ja von selbst ☺

Mein erster Geburtstag wird morgen sein. Oder sollte ich ihn in Zukunft am 19. April feiern... weil ich da das letzte Mal getrunken habe. Andererseits habe ich vom 19.04 – 28.05 gebraucht um mich für eine Langzeittherapie zu entscheiden, ohne Alkohol zu Leben und habe meine Sucht angenommen. Und morgen, am 29.05., habe ich den Termin in der Suchtambulanz um meinen Antrag auf die Therapie auszufüllen.

 

Also eigentlich ein Startschuss.

Ok.

 

Morgen mein 1. Geburtstag

☺ ich freu mich schon ☺ 

 



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