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Noch ein Einschub

 

Ich habe immer versucht es allen recht zu machen. Aber irgendwie war irgendwann immer wieder zwischen durch irgendjemand enttäuscht von mir.
Ja, ich sollte egoistisch sein. Scheiss drauf was andere denken oder wollen. Das mache ich ab und an auch... Aber ich knicke immer wieder ein. Und wenn ich meine, dass es dann mal gut läuft, grätscht irgendwas oder jemand mitten rein und ich steh wieder wie der letzte Depp da.

 

Noch ein Einschub

Wie nenne ich mein Alkoholproblem? Süchtig? Abhängig? Bin ich Alkoholsüchtig? Bin abhängig davon? Ich weiß, dass ich ein Problem mit Alkohol habe. Und ohne Alkohol läuft es jetzt seit 5 Wochen sehr gut. Also habe ich doch wohl ohne Alkohol kein Problem... oder?

Und was passiert mit mir, wenn ich nicht weiß ob ich süchtig bin oder abhängig und mich dennoch als solches bezeichne oder bei Leuten vorstelle? Sage ich mir selbst dann „ich bin süchtig“? Obwohl ich nicht so fühle? Rede ich mir damit nicht sogar zusätzlich ein, dass ich süchtig wäre? Abhängig von Alkohol bin? Sage ich damit nicht meinem Hirn, meinem Verstand, meiner Psyche und meinem Unterbewusstsein, dass ich etwas bin, was ich vielleicht gar nicht bin?

Verstärke ich dadurch nicht eine Opferrolle in der ich mich ggf. gar nicht befinde? Wenn ich mich vor und nach jedem Treffen bei der Selbsthilfegruppe als „ Mathias, 29, schwul, süchtig“ oder „Mathias, schwul, alkoholkrank“, „alkoholabhängig“ oder sonst was, vorstelle, glaube ich das dann nicht auch irgendwann? Rede ich es mir dann förmlich ein? Konfrontiere ich mich damit nicht die ganze Zeit mit der Sucht, die evtl. gar nicht besteht? Mit dem Thema Alkohol?

Eine gute Frage oder? Vielleicht denken jetzt viele, ich würde damit mein Problem verdrängen, nicht zu mir und meiner Schwäche oder Sucht stehen. Wie auch? Ich glaube ja nicht, dass ich süchtig bin. Ich

habe akut keinen „Suchtdruck“. Und wenn doch, dann ist wegen Situationen, die vergangenen Situationen ähneln, weshalb ich getrunken hatte. Stress im Job, der Beziehung, finanzielle Sorgen etc...

Aber momentan sage ich mir „nein! Deshalb trinke ich jetzt nicht! Das lohnt sich nicht. Da will ich nicht wieder hin“. Und dann geht’s wieder. Muss ich mein Problem in eine vorhandene Schublade stecken? Schublade-Sucht, Schublade-Krank? Warum? Darf ich nicht einfach „ein Problem mit Alkohol“ haben? Reicht das nicht? Ich meine, ich weiß, dass wenn ich trinke, und wenn ich mehr trinke, und zu viel trinke, geht es mir nicht gut. Ich werde traurig, wütend, aggressiv, fange an zu weinen oder zu fluchen, und im schlimmsten Fall stelle ich blöde Sachen an und es folgt ein Blackout. Aber ich bin gerade nüchtern. Und ich würde mich gerade nicht als abhängig bezeichnen. Ich brauche jetzt keinen Alkohol. Ich komme ja auch ohne klar. Als „abhängig“ oder „süchtig“ bezeichne ich etwas anderes. Das mit dem Alkohol würde ich für mich als Problem bezeichnen. In den allgemeinen Definitionen gelte ich sicher als Alkoholiker. Zumindest der Mathias von vor 5 Wochen. Oder als Quartals-Trinker oder was anderes. Alkohol- „krank“ würde ich mich auch nicht nennen. Ich habe ein Problem wenn ich trinke. Also will ich es vermeiden bzw. ganz lassen. Punkt aus Ende. Warum muss ich mich für eine Schublade entscheiden? Darf ich nicht meine eigene haben?

 

Ich meine, als schwuler Mann werde ich doch eh schon in Schubladen gesteckt, bzw. wird es ja schon fast von

mir verlangt, dass ich in irgendeiner stecke: entweder ne Schwuchtel, ne Transe, n Bär, ne Leder-Husche oder Muskel-Schuppe. Aktiv, passiv, devot, Gummi oder Latex... Darf ich nicht einfach nur auf Männer stehen, schlank sein... mit Bäuchlein, mittelstarker Körperbehaarung, an Karneval im Fummel auftreten, mich für Menschenrechte einsetzen und einfach ICH sein? Warum will jeder wissen in welcher Schublade ich stecke?

Eventuell stehe ich vor diesem riesigen imaginären Schrank mit allen Schubladen und denke mir „Nö. Ich möchte in eine offene Kommode. Ich möchte nicht in eine Schublade. Da ist kein Platz für mich. Ich bin nicht A, B oder C. Ich bin A, ein bisschen B und C und am Wochenende auch noch Z!“ Dann darf ich doch auch sagen, dass ich ein „Problem mit Alkohol“ habe. Ohne mir einzureden ich sei süchtig oder krank. Warum „muss“ ich mich als Alkoholiker outen? Vor allem wenn ich nicht glaube, dass das meine Bezeichnung ist... vielleicht bin ich tatsächlich nur depressiv, exzessiv, mit einem selbstzerstörerischem Hang und einer brutalen Selbstreflektion mir gegenüber. Und greife dann zur Flasche. Sport wäre auch ein gutes Ventil. Reden, Psychotherapie, Meditation, Töpferkurs, what ever. Sogar nur spazieren gehen oder ein Buch lesen. Musik hören. Tanzen oder sich einfach nur bewegen. Dass sich das Hirn so einmischen muss.

 

Ist das Gehirn nicht sogar fähig sich einzubilden man hätte irgendwelche Krankheiten? Reden nicht alle von der Macht der Gedanken? Warum muss ich mir dann so ein negatives Etikett auf die Stirn tackern? Wenn

ich mir sage „ich hab ein Problem mit Alkohol“, ist meinem Bewusstsein und Unterbewusstsein dann nicht irgendwann klar: „Jo, dann lass den Alkohol halt weg. Ein Problem weniger!“ statt mir ständig einzureden, und anderen Leuten auch wohlgemerkt, ich sei abhängig, süchtig, und/oder krank. Damit wird die Situation doch nicht besser. Und sie soll doch besser werden?!

 

 

Genau wie das Wort „Alkoholiker“. Hat für mich die gleiche Bedeutung, Aussage oder Kraf wie „Veganer“, „Flexitarier“, „Hippster“ oder „Katholik“.

Jemand der etwas als seinen Lebensstil, seine Ernährung und alles Mögliche bezeichnet.

Eventuell auch als Schimpfwort.

Nur damit man mich versteht, was ich gerade denke: Veganer = Ich lebe vegan.

Alkoholiker = ich lebe besoffen???

Und „trockener Alkoholiker“ ???

Jemand der über längeren Zeitraum nur besoffen war und nur besoffen funktionierte, immer noch saufen will aber jetzt nicht mehr trinkt >> Das will ich nicht.

Ich will nicht nicht-trinken und immer noch trinken wollen. Ich will, und das werde ich auch, einfach nur nicht mehr trinken. Ich will nicht, dass ich Alkohol will und dass es mir fehlt. Tut er auch gerade nicht. Vorher habe ich aus Gewohnheit Bier getrunken. Wenn ich Probleme hatte, wurde darauf getrunken. Stress = Bier Osterbrunch bei Freunden? Eierlikör und Gin-Tonic! Weihnachtsmarkt? Glühwein! Silvester? Sekt! Karneval? Kölsch! Grillen am Rhein? Bier!

In der Zwischenzeit? Bier.

 

 

Ich hab nicht morgens zum Flachmann gegriffen um klar zu kommen. Oder einfach nur so getrunken. Oder weil ich den Alkohol körperlich brauchte. Ich habe nach Feierabend getrunken. Am Wochenende auch schon früher. Um vom Arbeitstag oder Alltag Abstand zu bekommen. Um lockerer tanzen oder feiern zu können. Um offener reden zu können. Um meine Nervosität runter zu regeln, wenn ich ausgegangen bin oder fremde Kerle getroffen habe oder in die Sauna gegangen bin. Alles psychische Gründe, die mit einer Therapie und einer neuen Einstellung zum Leben, zu mir und allem um mich herum, in den Griff zu kriegen ist.

Es gibt ja auch sooooooo viele Alternativen zum Alkohol! Sport wäre mal wieder nötig. Sagt zumindest mein Bäuchlein ☺Und wenn ich meine psychischen Probleme in Griff habe, sollten mir angespannte Situationen auch keinen Strich mehr durch die Rechnung machen.

 

Diese Werkzeuge und Präventivmaßnahmen möchte in der Therapie lernen.

Ich werde ggf. immer ein Problem mit Alkohol haben. Deshalb will ich ihn ja auch nicht mehr konsumieren. Und wenn ich ihn nicht trinke, habe ich auch kein Problem.

 

Wäre doch so als würde ich sagen „oh nein, ich reagiere allergisch auf Erdnüsse, wenn ich jetzt wieder Erdnüsse esse, bekomme ich Ausschlag. Ich esse einfach keine Erdnüsse mehr. Wenn auf dem Tisch ne Schüssel mit Erdnüssen steht, esse ich keine verdammten Erdnüsse, weil ich allergisch bin. Warum also zugreifen?

Irgendwann hab ich auch kein Verlangen mehr danach, weil ich eh schon ewig drauf verzichtet habe. Kein Verlangen nach Erdnüssen!

 

Ok, das Beispiel war blöd. Ich liebe Erdnüsse und bin nicht gegen sie allergisch... Ich persönlich bin auf jegliches rohes Kernobst allergisch. Keine Ahnung wann ich den letzten Apfel frisch gegessen habe. Aber ich habe absolut kein Verlangen in einen Apfel zu beißen. Ich werde ggf. nie wieder in einem beißen. Apfelkuchen oder gekochtes Apfelmus ist kein Problem. Aber frisch? No way! Und ich lebe noch! Und so soll es auch mit dem Alkohol sein. Für mich soll Alkohol sein wie ein Apfel. Ich will nicht in 10 Jahren sagen: „ich bin seit 10 Jahren trockener Alkoholiker“. Nein verdammt! Ich will nicht 10 Jahre lang schmachten. Ich will nicht bis an mein Lebensende schmachten. Ich habe einfach nichts mehr getrunken, Fertig. Mit Alkohol ging es mir nicht gut. Punkt. Kein Alkohol mehr. Warum muss ich denn süchtig sein? Warum muss ich krank sein? Dass ich psychisch labil bin, mein Selbstbewusstsein im Keller ist, ich verdammt unsicher bin... das habe ich versucht mit dem Alkohol zu betäuben. Und dass soll nicht mehr so sein! Ich will dass es mir gut geht. Und deshalb möchte ich nicht süchtig oder krank oder abhängig sein. Nur weil andere vor mir süchtig waren und ein Arzt meint, dass das aber so ist und dass ich „dazu“ stehen soll? Sehe ich nicht ein. Punkt.

Das soll natürlich für wirklich Süchtige kein Beispiel sein, sich aus der Affäre zu ziehen. Das ist hier nur mein Blick auf mein Problem.

 

Aus Erzählungen sind mir abhängige und kranke Menschen wohl bekannt und ich würde sie auch als solche bezeichnen. Aber ich mich halt nicht. Und damit sollen die Leute klar kommen. Vielleicht ändert sich meine Meinung dazu noch. Das darf sie auch. Vielleicht wird mir in der Therapie klar: „wow, ich bin ja doch süchtig“, dafür bin ich offen. Aber vorerst ist das meine Sicht: ich habe „nur“ ein Problem mit Alkohol.

Ich will nicht süchtig sein, nicht abhängig, nicht krank. Nur gesund, möglichst positiv eingestellt und ohne Alkohol leben.

 

 

At first I was afraid, I was petrified
Kept thinkin’ I could never live without you by my side But then I spent so many nights
thinking how you did me wrong
And I grew strong
And I learned how to get along
...
Go on now, go walk out the door
Just turn around now
‘Cause you’re not welcome anymore
Weren’t you the one who tried to hurt me with goodbye? Did you think I’d crumble?
Did you think I’d lay down and die?
Oh no not I, I will survive!

(Gloria Gaynor) 



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