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Zwischendurch beim Hausarzt

 

Heute war ich bei meinem Hausarzt, um eine Über- weisung für ein Beratungsgespräch bei der Suchtambulanz einer Tagesklinik zu bekommen. Dort möchte ich mehr über eine mögliche Psychotherapie und/oder einen 1-2 wöchigen Aufenthalt in der Tagesklinik erfahren. Warum? Ich hatte einen Rückfall. Alkohol. Nicht gut. Ab jetzt wird überhaupt nichts mehr getrunken. Die Uhr wird zurück gestellt. Tag X ist der 19.04.2017. Heute ist der 03.05. ... also knapp 2 Wochen später – immer noch trocken ☺

 

Das Gespräch ging sofort los.
Die Sprechstundenhilfe hat mein Anliegen anscheinend wortwörtlich übernommen “Alkoholproblem mit Wunsch zur Überweisung an die Tagesklinik”.

Er hat gefragt erstmal gefragt was los ist.
Ich hab ihm erzählt wie es ist. Seit Monaten täglicher Alkoholkonsum von 2-5 Bier nach Feierabend und am Wochenende auch schon früher. Davor mit Pausen aber gleichen Exzessen mit Blackouts etc.

Seit Karneval das Konzept von 3-Getränken in Gesellschaft. Vor 2 Wochen Rückfall mit mehr Getränken und Blackout. Seitdem kein Alkohol.

Dann fragte er weshalb ich trinken würde. Teils wegen dem Job, wegen Verunsicherung, finanziellen Sorgen, bei großen Veranstaltungen, teils aus Gewohnheit (10km Spaziergänge) etc.

 

Dann hat er vorgegriffen: Bevor es weiter geht: ich lehne es vehement ab, Sie hinzuweisen! Sie brauchen a) keine Entgiftung wenn Sie seit 2 Wochen nichts getrunken haben. Und wenn Sie vor der Klinik weiterhin nichts trinken, sind es locker 5-6 Wochen. Ich kenne die Tagesklinik. Das ist ein stationärer Aufenthalt nur ohne Bett. Sie werden sich nicht von 8-18h in einer Therapie sitzen. Der Psychologe hat 45min pro Patient. In der anderen Zeit malen Sie Bilder aus.

 

Sie haben den größten Schritt gemacht. Sie haben ein Problem erkannt, ein Konzept gemacht - das zwar gescheitert ist, aber Sie haben als Konsequenz nicht einfach weitergemacht, sondern ganz aufgehört. Für mehr ist die Klinik nicht da. Die Klinik zwingt Sie intensiv nicht mehr zu trinken. Und Sie sollen aus dem Alltag ausbrechen. Da Sie zur Zeit arbeitslos sind, haben Sie eh keinen Alltag. Also woraus wollen Sie ausbrechen? Aber da scheint mehr zu sein...

 

Dann fragte er mich ob ich, abgesehen von der Jobsituation und den Finanzen mit meiner Lebenssituation zufrieden sein. Das habe ich mit ja beantwortet. Ob ich glücklich sei. Das habe ich mit nein beantwortet. Weshalb? Größenteils wegen dem mangelnden Sinn hinter meinen letzten Jobsituationen und dass ich glaube, dass es in 2009/2010 angefangen hat und seit dem immer wieder hoch kommt.

 

Dann hat er mich gefragt warum ich in der ganzen Zeit meinen Freund nicht erwähnt habe. Ich war verblüfft. Dann hat er gefragt, ob ich von ihm unterstützt werde etc. Das hab ich be-ja-t, und das ich darüber auch

glücklich bin und alles. Dann hat er gefragt, ob ich mich ab und zu abkapsle. Sei es privat, beruflich oder in der Partnerschaft. Auch ja, mit der Begründung, dass ich vieles selbst versuchen möchte zu lösen und niemanden damit belasten will. Oder dass ich mir selbst erst mal im Klaren sein möchte was los ist, bevor ich über Eventualitäten rede die ggf. gar nicht da sind.

Dann folgte ein Fragenkatalog. In etwa:
Mögen Sie Ihr Zuhause - ja
Lieben Sie Ihren Freund - ja
Treffen Sie sich mit Freunden - ja
treiben Sie Sport - aktuell nein, ich versuche aber oft zu Spazieren und bald wieder zu Laufen

Machen Sie Pläne für die Zukunft - ja
Alleine - oft ja
Versuchen Sie Probleme alleine zu lösen - ja
Nehmen Sie Hilfe an - selten, langsam lerne ich es aber

 

Während des letzten Jobs... nehmen wir an es gab Stress. Sie sind nach Hause gegangen, Mit Alkohol. Sie konnten Abstand von den Situationen gewinnen. Haben positive Pläne geschmiedet. Sind betrunken und glücklich zuhause angekommen. Keinen Sinn mehr für Haushalt. Junkfood und ein Film oder eine Serie gucken. Auf dem Sofa eingeschlafen. Leicht verkatert aufgewacht und wieder zur Arbeit.. abends das gleiche Spiel? - ja

 

Sie sprechen nicht über Ihre Gefühle. Sie nutzen das Bier zum Verdrängen der schlechte Erlebnisse und um positive Gefühle hochzuholen? Oder nutzen den Alkohol um Ängste zu betäuben, in großen Menschenmengen, bei

Veranstaltungen wo Sie keinen kennen oder einfach um lockerer zu sein. Um den schlechten Tag, das schlechte Grundgefühl loszuwerden und die kommende Situation zu genießen?

 

Das Wertschätzen der guten Momente nimmt ab? Und Sie fragen sich warum Sie nicht glücklich sind?

 

Wie sieht es ohne Alkohol aus in den letzten Wochen? Sie fühlen sich stärker, Sie tun etwas “dagegen”. Sie wertschätzen sich neu. Ich gebe Ihnen gerne eine Überweisung für einen Beratungstermin, für Anlaufstellen zu Psychologen. Aber ich werde Sie nicht einweisen! Sie können auch nicht einfach als ersten Schritt 1-2 Wochen in die Tagesklinik! Das Problem sitzt wo anders. Durch das mangelnde Selbstbewusstsein, die Vorwürfe und das nicht darüber reden, folgt Ihr Griff zur Flasche. Bzw. folgte der Griff früher, was jetzt normal ist... selbst wenn der Tag gut war und Sie meinen, dass es Ihnen gut geht.

 

Ich sehe hier eine mittelschwere Depression mit schädlichem Missbrauch von Alkohol. Das ist ein ganz anderer Schuh! Ich merke wie Sie sich selbst versuchen zu analysieren. Mit Webseiten und Wikipedia-Einträgen. Das schlimmste was ein Analyst tun kann, ist sich selbst zu Analysieren! Das darf er nicht tun! und das dürfen Sie nicht tun! Wenn ich Ihnen die Symptome von Hirn-Tumor-Patienten gebe und Sie sie lesen, dann glauben Sie in kürzester Zeit dass Sie einen Hirntumor haben! Das ist gefährlich. Was Ihre Depression nur noch verschlimmern kann. Wenn das nicht bereits vor einigen Jahren passiert ist.

 

Ich gebe Ihnen eine Überweisung für den Beratungstermin, aber nicht zur Einweisung! und eine

Überweisung an einen Psychologen, den Sie sich bitte suchen. Das kann zwar etwas dauern, aber das ist das was Sie brauchen. Trinken Sie bitte nicht weiter. Denn wie Sie schon erkannt haben, wird Ihre Gefühlslage nicht besser durchs Trinken. Und das Hochgefühl das Sie jetzt ggf. haben, trügt. Tief im Inneren ist etwas, dass Sie seelisch fertig macht. Aber nochmal: ich sehe keinen Abhängigen der einen Entzug braucht. Ich sehe eine depressive Einstellung die versucht wird mit Alkohol zu überstehen. Aber Sie wissen, dass das nicht geht.

Daher bitte eine Therapie - vollstationär einweisen werde ich Sie nicht.

 

Oh, einen wichtigen Satz habe ich vergessen:

Sie verdrängen Ihren seelischen Zustand. Mit Alkohol versuchen Sie das Negative zu verdrängen, um das Positive zu sehen. Den Alkohol verharmlosen Sie... natürlich. Weil Sie eigentlich ein seelisches Problem haben.

Wenn Sie Freunde treffen hören Sie meist nur zu? Kümmern sich um deren Probleme? Am Ende des Abends sieht es dann so aus: Ihren Freunden geht es besser, Ihnen nicht.

Sie selbst haben noch Ihre Probleme weil Sie nicht darüber sprechen. Und zu allem Überfluss haben Sie auch noch viel zu viel getrunken. Und die Spirale geht weiter.

 

Alter! Woher kennt mich der Mann so gut?

Hier sitze ich nun am vierten Mai. Mit der Möglichkeit Alkoholiker zu sein

und/oder unter einer Depression zu leiden.

 

I, I who have nothing
I, I who have no one
Adore you and want you so
I’m just a no one, with nothing to give you but oh I love you

 

(so weit ich weiß von Shirley Bassey, aber MB könnte es auch singen ;)

 

 

Morgen geht es ins TV Studio. Ich wurde zum Casting für die Kochsendung eingeladen ☺ Hey! Als Test müssen wir ein Omelett machen. Meines serviere ich mit selbstgemachtem Brennnessel-Pesto. Sollte ich nicht überzeugen, wäre es auch nicht schlimm.

 

Mit Absagen kenne ich mich ja aus. Zwei der drei Stellen von letzter Woche haben bereits abgesagt.
Düsseldorf und die Projektmanager-Stelle. Yeah! Bleibt nur noch die Agentur mit dem nicht so guten Ruf. Toll!

Also wieder ran an die Tastatur und bewerben.


Aber ab wann? Mache ich eine Therapie? Eine Weiterbildung? Ab wann soll ich dann arbeiten? Erst ab Juli? Dem Thema „Weiterbildung“ bin ich nämlich ein Stück näher gekommen.

 

 

Über das Arbeitsamt werde ich sehr wahrscheinlich eine Förderung erhalten können... genaueres erfahre aber ich erst in einem persönlichen Gespräch. Dieses wird mir „irgendwann“ per Post zugestellt.

Na toll, wieder warten. Ich warte ja so gerne. Kein Wunder dass es Langzeitarbeitslose gibt, wenn die Tante vom Amt nicht eben anrufen kann, um einen Termin auszumachen. "Nein! Irgendwann per Post!" Toll. Na gut. Nicht wütend werden. Bringt niemandem was. Aber ab wann bewerbe ich mich jetzt auf einen Job? Wenn das Amt schnell macht, kann ich ab Ende Mai mit der Weiterbildung anfangen und wäre im Juli bereit eine neue Stelle zu anfangen. Wenn die sich nicht beeilen ggf. erst ab August. Das wäre mies :) Ich plane gerne. Aber ohne verlässliche Daten kann man nicht planen. Das schlaucht. Deshalb hab ich diese Woche auch noch keine Bewerbungen rausgeschickt. Das Thema Alkoholismus/Depression hat mich sehr eingespannt. Es gibt soooooooo viel zu lesen. Nicht alles trägt was dazu bei und nicht alles kommt von verlässlichen Quellen... aber das weiß man ja leider erst wenn man es gelesen hat ☺ also weiter im Text ☺ (ich hoffe du bemerkst hier einen versteckten Witz, über das was ich schreibe)

 

 

Wie geht es mir also gerade? Ich habe das Haus heute nur verlassen um Zigaretten zu holen. Die Wettervorhersagen sind unzuverlässig. Am Mittag wollte ich spazieren. Da sollte es aber Regnen, am Nachmittag nicht. Also hab ich den Mittag über weiter recherchiert. Aber es regnete nicht. Auch nicht am Nachmittag, obwohl es das aber dann sollte... bis halb sechs kein Tropfen. Die Wetter- App meinte aber was anderes. Also sitze ich immer noch zu Hause. Jetzt scheint es wohl überhaupt nicht mehr zu regnen. Aber meine Motivation jetzt noch 5km zu laufen ist gaaaanz weit nach unten gesackt... ok, in der Vergangenheit habe ich das immer nach Feierabend gemacht. Aber da habe ich ja auch noch zusätzlich getrunken. Meine Gedanken war da ganz schnell wo anders. Jetzt bin ich ja „allein“ mit meinen Gedanken. Ich meine, das soll auch so sein, ich möchte ja nicht wieder trinken. Aber meine Motivation war eine andere. Jetzt sollte meine Motivation die sein, meinem Körper etwas gutes zu tun. Ok...3...2...1.... mmmh... ich hab keine Lust. Aber ich sollte. Vielleicht versuche ich es einfach. Umdrehen kann ich immer noch. Und sollte es doch regnen sowieso. Aber ich sehe gerade aus dem Fenster. Die Sonne kommt wieder zum Vorschein... na gut. Jacke an und los.

 

Mein Erlebnisbericht: Es war zwar nur knapp eine Stunde, aber ich war draußen. Hab mich bewegt. Zwischendurch kam ein Druck in mir hoch. Es liefen viele Jogger rum. Feierabendspaziergänger. Das hat mich irritiert. Warum? Ich bin doch auch bei dem Wetter draußen. Ist doch klar, dass noch andere unterwegs sind. Ich war hin und her gerissen mir ein alkoholfreies Bier zu holen. Aber nein. Das wäre auch nur ein Ersatzstoff um mich abzulenken. Tapfer bin ich meine Runde gegangen und heil zu Hause angekommen. Natürlich. Wer soll mir auch was antun? ☺ Entwickle ich gerade wieder diese Menschenmassen- Ängste? Die hab ich seit 2009 nicht mehr. Ok, immer mal wieder leicht zwischendurch... aber nicht sooo wild. Vielleicht habe ich durch den täglichen Konsum meine Fähigkeit, normal unter Leute zugehen, wieder verlernt? Ich sehe mich jetzt nicht als Wrack, aber etwas mulmig ist mir schon gewesen. Allein der Gedanke, dass ich mich dauerhaft so betäubt haben kann, nicht mehr ganz normal gesellschaftsfähig zu sein, besorgt mich. Andererseits hat es letztes Wochenende in Berlin super

 

geklappt. Ok, mein Freund war immer dabei... aber ich hätte genauso gut mit Bier rum laufen können. Aber das Verlangen hatte ich nicht. Eventuell bin ich doch auf einem Weg der Besserung. Das muss jetzt nur noch alleine wieder klappen. Und dann natürlich auf Partys oder Veranstaltungen wo getanzt und getrunken wird. Aber einen Schritt nach dem anderen. Bis zu meinem Geburtstag ist es noch etwas mehr als ein Monat. Bis dahin sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Genauso wie die Welt vor einem, drei, vier oder fünf Monaten ganz anders aussah.

Immer dran denken: es ist ein Prozess.

 

Und ich muss meine zusätzlichen Drogen reduzieren: Chips, Pizza mit üppig Käse, Schokolade, Gummibärchen... diese Extreme sollten, denke ich, nicht zum Ersatzstoff werden.

 

Leichter gesagt als getan.

Ich verdrücke abends mindestens eine Tüte Paprika-Chips...

das wird hart ☺ 



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